Eine Diät für verletzte Seelchen

AP (Stephan Trierenberg)
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Burgtheater. Regisseur Thomas Langhoff zerhackt das Monstrum „Wallenstein“. Ein hartes Los: Er lässt den Feldherrn abgeschlafft und dessen Truppen ratlos zurück.

Das Pulver war schnell verschossen: Mit einem deutschen Rapp über das aufregende Soldatenleben fertigte Regisseur Thomas Langhoff am Mittwoch bei der Premiere am Wiener Burgtheater den ersten Teil von Friedrich Schillers Wallenstein-Trilogie in wenigen Minuten ab. Unter Anleitung des verräterischen Kroaten-Generals Isolani (Johannes Krisch) tanzt eine Schar junger Männer in Kampfanzügen den Dreißigjährigen Krieg. „Wir leben und sterben mit Wallenstein“, skandieren sie und wagen dabei auch den kurzen obszönen Griff ans Gemächt, der in den südlichen Ghettos von Los Angeles so beliebt ist: „Wohl auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!“, heißt es ermunternd in „Wallensteins Lager“ – doch schon ist der Zauber vorbei. Denn dieser Gaul lahmt.

Langhoff hat die beiden darauf folgenden fünfaktigen Dramen „Die Piccolomini“ und „Wallensteins Tod“ zwar auf gut dreieinhalb Stunden gekürzt, aber es ist ihm nicht gelungen, diese gewaltige Historie zu verdichten. Zu sehen ist post-revolutionärer Kitsch, bei dem nicht nur Schillers spannende Geschichtsphilosophie, sondern eine Reihe potenter Schauspieler auf der Strecke bleibt.

Ein erschöpfter Schreibtischtäter

In dieser Inszenierung wird die Schaubühne als eine statische Anstalt betrachtet. Gert Voss, dessen Meisterschaft in der Vermittlung subtiler Charakterbilder nur phasenweise aufblitzt, muss einen Schreibtischtäter Wallenstein im Business-Anzug spielen, der von Anfang an abgekämpft wirkt. Er ist nicht ein mitreißend populistischer Feldherr, der mit dem Griff nach Böhmens Krone seinen Arbeitgeber Habsburg herausfordert, sondern bestenfalls ein alter Börsenhai, dem ein Karibik-Abenteuer in die Hose gegangen ist. Voss derart auf U-Haft-Größe zu reduzieren, grenzt an Rufmord.

Besser wird für Ignaz Kirchner gesorgt, der im Soldatenmantel und mit Augenklappe die traurige Entschlossenheit eines Attentäters in der Wolfsschanze ausstrahlt. Seine Darstellung des verratenen und verratenden Dragoners Buttler hat Tiefe und Witz. Auch Petra Morzé als Wallensteins Schwägerin Terzky entwickelt jenen gefährlichen Ehrgeiz, der das Stück antreiben könnte, sie ist eine prächtige Raubritterin, die das Schicksal herausfordert.

Schließlich spielt auch noch Dieter Mann den intriganten Octavio Piccolomini so, wie man sich einen Widerpart für den Herzog zu Friedland vorstellt: Er ist ein gefährliches Raubtier, das weiß man vom ersten Auftritt an, wenn er mit dem lauernden Kriegsrat von Questenberg (Peter Matic) die kaiserliche Liquidationspolitik festlegt.

Schwacher Kontrapunkt der Liebenden

Einsame Spitzen sind das in einem braven Kammerspiel. Max Piccolomini (Christian Nickel) ist ein harmloser Schwärmer. Als idealistischer Kontrapunkt kommen er und Wallensteins Tochter Thekla (Pauline Knof) trotz ihres ergreifenden Finales zu kurz, ihre Liebesgeschichte geht so wie die Brüskierung von Max durch den Feldherrn unter.

Andere wieder fallen auf, aber nicht zu ihrem Besten. Die Herzogin von Friedland (Kitty Speiser) wirkt in ihrem Outrieren wie jemand, der sich in die falsche Vorstellung verirrt hat. Das könnte man auch von den Generalen Tiefenbach (Heinrich Schweiger) und Götz (Franz J. Csencsits) sagen – zuweilen scheint das Ensemble orientierungslos auf dieser düsteren Bühne (Bernhard Kleber), die den Charme einer Werkhalle hat. Passend dazu die an sich gelungene Musik (Jörg Gollasch): Unheil dräuende Bässe und angedeuteter Gefechstlärm vor den Toren halten wach, wenn es drinnen fade wird und selbst die größten Intriganten tatenlos um den zögernden Padrone rumstehen.

Johannes Terne als Graf Terzky ist die schwächere Version seiner Gattin, Dirk Nocker mimt als Feldmarschall Illo sicherheitshalber den Kraftlackel. Das kommt besonders gut in einer ausgelassenen frühen Szene im Offizierskasino, bei der Soldaten als Tunten auftanzen. Dort ist tatsächlich kein Kaiser mehr, in diesem Lager wäre Böhmens Macht für Wallenstein.

Herumhängen mit losen Hosenträgern

Doch den Elan des Kriegshelden bleibt Langhoffs Inszenierung schuldig, weil der kräftige historische Schinken mit wenigen Ausnahmen auf Diät für verletzte Seelchen reduziert wird. Es wird dennoch wenig geweint, und das ist auch wieder nicht konsequent. Wallenstein darf, wenn er nicht gerade beiläufig den Feldherrn-Stab schwingt, ein bisschen mit astrologischer Gerätschaft spielen, da ist er konzentriert und formuliert die elegantesten Sentenzen. Meist aber muss er so locker herumhängen wie seine Hosenträger, weder die Familie noch das intrigante Umfeld scheinen ihn zu interessieren. So agieren Alpha-Tierchen, die bereits abgewickelt wurden. Vielleicht aber hat Langhoff nur das Stück verwechselt und „Papa Hamlet“ produziert.

Zu viel Psychologie, zu wenig Entwicklung: Dieser Wallenstein ist schon bei seinem ersten Auftritt nach zwanzig Minuten in Eger angekommen und wartet auf den Fangschuss durch seine Häscher. Seine Absichten bleiben dunkel, so undurchschaubar wie der freie Markt. Wie bei einer Lotterie fällt die Macht der Gegenseite zu, die von Anfang an enttarnt scheint. Zuletzt aber gelingt Langhoff ein interessantes Bild: Der Herzog ist gefallen, jetzt geht es um die Neuverteilung der Pfründe. Dem Rädelsführer wird ein Brief mit kaiserlichem Siegel überbracht. Achtlos lässt Octavio das Kuvert zu Boden schweben und geht ab. Ein junger Soldat hebt es auf. „Dem Fürsten Piccolomini“ steht drauf. Das aber wird an diesem traurigen Abend nur nebenbei bemerkt.

WALLENSTEIN: Dreierpack

Friedrich Schillers Dramen-Trilogie wurde 2007 gleich dreifach angeboten.

In Berlin inszenierte Peter Stein eine ungekürzte Fassung mit Klaus Maria Brandauer als Held. Dauer: zehn Stunden.

In Leipzig ließ Schauspielhaus-Intendant Wolfgang Engel an drei Orten acht Stunden spielen. Hauptrolle: Stefan Schießleder.

In Wien hat Thomas Langhoff die elf Akte für das Burgtheater auf dreieinhalb Stunden verkürzt. Gert Voss spielt den Wallenstein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2007)

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