Hirnforschung: Für jeden Bekannten eine eigene Nervenzelle?

Die Presse (Archiv)
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Neuronen können hoch spezialisiert sein – vor allem für das Erkennen von Gesichtern und Häusern.

Wie lange der Ruhm der US-Schauspielerin Jennifer Aniston anhalten wird, ist fraglich. In der neurologischen Fachliteratur aber ist und bleibt ihr Name, und zwar nicht wegen ihrer eigenen Nervenzellen, sondern wegen der ihrer Fans. In deren Köpfen fanden kalifornische Neurologen 2005 jeweils ein Neuron, das dann und nur dann aktiv ist, wenn die Testperson das Gesicht der Schauspielerin erkennt (Nature, 435, S.1102). Die „Jennifer-Aniston-Zelle“ hat so die „Großmutter-Zelle“ abgelöst, von der die Neurologen lange sprachen, wenn sie die Vorstellung persiflieren wollten, dass eine Nervenzelle genau auf ein Objekt spezialisiert ist.

Inzwischen scheint das nicht mehr so absurd. Natürlich ist nicht jede der über hundert Milliarden Neuronen im Gehirn für einen bestimmten Eindruck zuständig – das würde sich erstens gar nicht ausgehen, und zweitens überlappen Eindrücke bekanntlich –, aber etliche neue Arbeiten sprechen dafür, dass man die Rolle individueller Neuronen und ihrer Synapsen nicht unterschätzen sollte. So konnten Arthur Houweling und Michael Brecht (Berlin/Rotterdam) durch Stimulation einzelner Neuronen beeinflussen, ob eine Ratte auf einen Berührungsreiz reagierte oder nicht (Nature, online 20.12.).

Besonders viele spezialisierte Neuronen vermutet man im Gyrus fusiformis, hinter den Ohren: Dort sitzt die Erkennung von Gesichtern. Patienten mit Verletzungen dort leiden an Prosopagnosie, Gesichtsblindheit, sie erkennen Menschen nicht an ihren Gesichtern. Gleich nebenan liegt ein Areal, der Gyrus parahippocampalis, das besonders auf Gebäude anspricht. Wie stark sich die beiden Areale überschneiden, ist fraglich, auch, ob andere mit Emotionen behaftete Objekte ebenfalls dort repräsentiert sind. Immerhin fand man, dass der Gyrus fusiformis bei Vogelkundlern aktiv ist, wenn sie einen Vogel sehen, bei Autonarren, wenn sie ein Auto erkennen. Könnten auch Wörter dort repräsentiert sein? Das ist gar nicht leicht zu untersuchen, da deren Bedeutung in den Sprachzentren immense Aktivität auslöst, die den Effekt überlagern.

Worterkennung: weniger vererbt

Also arbeiteten Forscher um Thad Polk (Michigan) mit erfundenen, sinnlosen Wörtern – und verglichen ihre Wirkung mit der Wirkung von Gesichtern und Häusern. Und zwar an eineiigen und an zweieiigen Zwillingen. Es zeigten sich klare Unterschiede: Bei eineiigen Zwillingen (die die gleichen Gene haben) waren die Aktivitätsmuster in den einschlägigen Hirnregionen viel ähnlicher als bei zweieiigen – aber nur, wenn es um Gesichter und Häuser ging. Nicht bei Wörtern.

Daraus schließen die Forscherim Journal of Neuroscience (27, S.13921), dass das Erkennen von Gesichtern und Häusern stärker genetisch determiniert ist. Verständlich, meint Polk: Gesichter und Orte zu erkennen, sei für alle unsere (Primaten-)Vorfahren ein Vorteil gewesen, Wörter gibt es noch nicht lang genug, die Evolution hatte keine Zeit, sich darauf einzustellen. Ob das Lexikon im Kopf dennoch im Wesentlichen jedem Wort – oder jedem Begriff, was immer das sei – ein Neuron zuordnet, ist offen.

LEXIKON: Neuronen

Das menschliche Hirn enthält über 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), manche Schätzungen gehen bis zu einer Billion. Ein Neuron ist mit bis zu 10.000 anderen Neuronen via Synapsen verbunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2007)

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