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Schengen: Mitteleuropa lebt

EPA (Georg Hochmuth)
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Kritiker befürchten durch den Wegfall der Grenzkontrollen eine weitere Zunahme von Kriminalität und Schwarzarbeit. In den politischen Festreden hingegen dominiert die euphorische Symbolik.

Der Blick auf die Landkarte, die vor wenigen Tagen auf einer Panoramaseite dieser Zeitung zu sehen war, raubt vielen den Atem. Den einen bei der Vorstellung, dass aus all den Orten, deren Namen wir nicht aussprechen können, Menschen zu uns kommen können, ohne durch Grenzkontrollen daran gehindert zu werden. Den anderen bei der Vorstellung, dass aus all den Orten, deren Namen bei aller Fremdheit irgendwie vertraut klingen, Menschen zu uns kommen können, ohne durch Grenzkontrollen daran gehindert zu werden.

In der österreichischen Bevölkerung scheint die Sorge zu überwiegen, dass das Wegfallen der Grenzkontrollen eine weitere Zunahme von Kriminalität und Schwarzarbeit bedeutet. In den politischen Festreden hingegen dominiert die euphorische Symbolik. Zurecht: Wir feiern nicht eine neue Reisefreiheit, die das Ende der berüchtigten Grenzwartezeitdurchsagen im Ö3-Verkehrsfunk bedeutet, sondern die Wiedergeburt Mitteleuropas.

Was hat man in den 80er Jahren Visionäre wie Erhard Busek belächelt, wenn sie gegen alle politische Evidenz und angesichts des Eisernen Vorhangs die Rede von Mitteleuropa aufrecht erhielten, während Pragmatiker vom Schlage eines Franz Vranitzky sich mit den spätsowjetischen Realitäten arrangierten.

Man hat anlässlich der so genannten EU-Osterweiterung aus gutem Grund vom späten Ende des II. Weltkriegs gesprochen. Damals wurde auf dem Papier die Teilung des Kontinents überwunden, in die Hitlers Krieg gemündet hat. Wenn es mit dem heutigen Tag wieder möglich ist, sich zwischen Wien, Prag und Budapest frei zu bewegen, wird etwas, das bisher nur auf dem Papier existierte, zum Leben erweckt.. Die Wiedererschließung Mitteleuropas als kultureller Gedächtnisraum erklärt mehr als alles andere, was Europa ist: Vielfalt und Wettbewerb in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Lebensart.

Keine noch so geschliffene Formulierung des neuen EU-Vertrags kann auch nur annähernd so viel über Europa aussagen wie ein Spaziergang auf dem Altstädter Ring in Prag. Kein Gruppenfoto der Staats- und Regierungschefs zeigt auch annähernd so viel von Europa wie der Blick von der Budapester Fischerbastei auf die Stadt, die von Wien aus mit dem Zug schneller zu erreichen ist als Salzburg. Mit dem heutigen Tag wird es möglich, die europäische Einheit zu erleben, gerade für uns Österreicher.

Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt, dass die Nutzungsbilanz der neuen Freiheiten eher einseitig ausfällt. Österreichische Unternehmer haben die Chancen, die sich aus dem Umbruchsjahr 1989 ergeben haben, frühzeitig genutzt, die Politik zeigte sich ab- bis hinhaltend, in der Bevölkerung regierte und regiert die Skepsis. Man ist (noch?) nicht bereit, die Risiken, die mit der Freiheit immer einhergehen, offen anzunehmen, sich dem Wettbewerb, den Freiheit immer auch bedeutet, unvoreingenommen zu stellen.

Es wird für das zukünftige Reden und Denken über Europa nicht unwesentlich sein, ob es gelingt, das Wesen eines lebendigen Mitteleuropa, das in Bauten und Büchern, in der Musik und in der Bildenden Kunst des Donauraumes die Jahrzehnte des Kalten Krieges überdauert hat, wieder in unseren Alltag einzubringen.

Das Mitteleuropa, das heute durch den Wegfall der Grenzen aufersteht, will und muss erlebt und im wahrsten Sinne des Wortes erfahren werden.

Die Seele, die Europa nach dem berühmten Wort des Jacques Delors braucht, muss nicht erst künstlich erschaffen werden wie der Golem, der untrennbar mit der Kulturgeschichte Prags verbunden ist. Sie hat im kulturellen Gedächtnis der Donauregion überwintert – nicht einmal der Permafrost der Ideologie konnte sie zerstören.

Der Blick auf die Karte auf dieser Seite zeigt aber auch, dass der Wiederbelebungsprozess nicht abgeschlossen ist. Kroatien, Rumänien, Serbien, die Ukraine: Mitteleuropa reicht weit in die Regionen hinein, die auch jetzt noch hinter der Grenze liegen. Europa war schon immer größer als Schengenland. Das wird noch einige Zeit so bleiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2007)