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Zu wenig Obduktionen: „Wien optimal für perfekten Mord“

Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Gerichtsmediziner-Präsident Walter Rabl schlägt Alarm: In Wien werde zu wenig obduziert. Die Wiener Gerichtsmedizin stellt mit Jahreswechsel den Obduktionsbetrieb ein.

WIEN. Wien will die Zahl der Obduktionen drastisch reduzieren. Bisher gab es 1500 Fälle pro Jahr, künftig sollen es (gestützt auf eine Änderung des Leichen- und Bestattungsgesetzes) nur noch 500 sein. Angesichts dieser Entwicklung schlägt der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gerichtliche Medizin, Walter Rabl, Alarm: „Mit der de facto Einstellung der sanitätspolizeilichen Untersuchungen unklarer Todesfälle wird Wien in Zukunft eine optimale Region für den perfekten Mord sein.“

Rabl weiter: „Es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis unerkannte Tötungsdelikte passieren werden. Eine hohe Obduktionsfrequenz ist unverzichtbar für eine vernünftige Todesursachen-Statistik, aus der sich wiederum gesundheitspolitische Implikationen ergeben.“ Obduktionen seien ein „effizientes Mittel zur Aufdeckung traumatischer, toxikologischer und auch durch Fremdverschulden verursachter Todesfälle“.

Abgesehen von der sinkenden Frequenz der Obduktionen (Wien will auf diese Art 120.000 € pro Jahr einsparen) stellt – wie berichtet – die traditionsreiche Wiener Gerichtsmedizin ab Jahreswechsel den Obduktionsbetrieb ein. Aus Kostengründen. Dem Department verbleiben dann nur noch Lehre und Forschung. Werden die erwähnten sanitätspolizeilichen Obduktionen schon jetzt an Gemeindespitälern vorgenommen, wandern mit Jänner auch die gerichtlichen Obduktionen (bisher 500 pro Jahr) in Gemeindespitäler.


Verweste Leichen mit Maden

Erst am Dienstag war eine Einigung zwischen dem Justizministerium und der Stadt Wien verkündet worden: Demnach müssen das Kaiser Franz Josef-Spital, die Rudolfstiftung, das SMZ Ost und das Krankenhaus Hietzing Räume für diese Obduktionen zur Verfügung stellen. Dazu Rabl: „Eine Großstadt ohne funktionierende Gerichtsmedizin ist schlicht unvorstellbar und ein Armutszeugnis für ein zivilisiertes Land. Die geplante Situation in Wien mit der Auslagerung von gerichtlich angeordneten Obduktionen in Spitäler ist aus fachlicher Sicht völlig unzulänglich.“

Laut dem Gerichtsmediziner-Präsidenten wird auch „eine effiziente Studentenausbildung im Fach Gerichtliche Medizin an der Wiener Medizinischen Universität ohne Seziersaal, ohne Leichenschau und ohne Obduktion zukünftig unmöglich sein“.

An einen Horrorfilm erinnert folgendes von Rabl geschildertes Szenario: „Vor allem in den Sommermonaten müssen auch fortgeschritten verweste Leichen mit Madenbefall, Verflüssigung und Fäulnisgasbildung untersucht werden. Das wird in ,normalen‘ Spitälern, in denen höchstens klinische Obduktionen durch Pathologen erfolgen, zwangsläufig zu hygienischen Problemen führen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2007)