Laut SPÖ-Staatssekretär Matznetter sind die Aufsichtsräte schuld an hohen Manager-Gagen.
Die Presse: Herr Matznetter, wie viel darf denn ein Manager verdienen?
Christoph Matznetter: Wenn ein privater Unternehmer meint, er muss seinem Manager eine hohe Gage zahlen, ist das allein seine Angelegenheit. Anders wird die Geschichte, wenn es um die Verwaltung fremden Vermögens geht. Wenn jemand den Totalverlust seines Kapitals riskiert, darf er schon verlangen, dass sich Manager nicht wie an einem Freibier-Stand Krügel-weise bedienen.
In Deutschland hat sich die Diskussion an der 60-Mio.-Euro-Gage von Porsche-Chef Wiedeking erhitzt. Kann ein Manager 60 Mio. Euro im Jahr wert sein?
Matznetter: Ich kann es mir nicht vorstellen. Aber der Preis wird in einer Marktwirtschaft in der Regel zwischen zwei Personen ausgemacht. Wenn jemand das Unterleiberl eines Sängers um 2000 Euro ersteigert, handeln zwei Personen, die das wollen. Da ist kein Handlungsbedarf für die Gesellschaft. Handelt aber ein Vertragspartner für Dritte, brauchen wir strenge Regeln.
Und zwar?
Matznetter: Wir brauchen Transparenz für die Aktionäre. In einer börsenotierten Firma muss klar sein, wie viel Geld ein Vorstand im Vorjahr bekommen hat. Aber das ist hierzulande schwierig.
Was ist so schwierig daran, diese Transparenz in ein Gesetz zu gießen?
Matznetter: Der Kinsey-Report (Studie über das menschliche Sexualverhalten, Anm.) wäre in Österreich ein geringerer Skandal, als ein Buch, in dem die Einkommensverhältnisse der Österreicher aufgelistet sind. Aber vielleicht ist es eh nicht so schwierig. Warten Sie das nächste Jahr einmal ab.
Eine Ansage?
Matznetter: Nein, aber ich will auch nicht ausschließen, dass im Lichte der Diskussion mehr in Sachen Transparenz passieren wird.
„Nicht ausschließen“ klingt schon wieder nach Rückzieher.
Matznetter: Ich habe gesagt: Warten Sie das nächste Jahr ab. Das heißt ja nicht, dass das nächste Jahr alle Erwartungshaltungen erfüllen wird. Das ist eine Diskussion, die wir erst mit unserem Koalitionspartner führen müssen.
Aber was wäre nun Ihr Vorschlag?
Matznetter: Ab einer gewissen Einkommenshöhe sollten die Bezüge der einzelnen Manager im Jahresbericht offen gelegt werden. Lustigerweise regen sich Top-Manager am wenigsten über eine derartige Regelung auf. Erste Bank-Chef Andreas Treichl muss seine Bezüge ohnehin längst offenlegen, weil die tschechischen Gesetze dies längst verlangen.
In Deutschland fordert die SPD Gehaltsobergrenzen und die CDU tritt für Transparenz ein – wie bei uns die SPÖ. Warum gehen deutsche Sozialdemokraten weiter als Sie?
Matznetter: Ich glaube, in Deutschland hat es viel mehr Exzesse gegeben. Unglaubliche Managerbezüge und gleichzeitig werden zehntausend Leute rausgeschmissen. In Österreich funktioniert der Anstand besser. Daher ist der Ruf nach dem Gesetzgeber leiser.
Interessanterweise stellen sich jetzt in Deutschland die Betriebsräte hinter die Manager, etwa bei BASF und bei Porsche. . .
Matznetter: Ersparen Sie mir, etwas über die moralische Integrität mancher Betriebsräte in Deutschland zu sagen. Ich glaube, dass in Österreich die ethisch-moralischen Standards höher sind.
Sie schließen aus, dass es in Österreich eine Verhaberung zwischen Management und Betriebsrat gibt?
Matznetter: Wir haben diese Extreme nicht. Das ist ein Geheimnis des österreichischen Erfolgs. Unsere Manager nehmen ihre volkswirtschaftliche Verantwortung wahr. Ich habe noch nie etwas von Lustreisen gehört.
Ganz so ist es ja nicht. In der teilstaatlichen AUA wird dem lästigen Betriebsrat Wolfgang Hable eine Sonderprämie gezahlt, seitdem er sich zurückgezogen hat. Ein wenig merkwürdig, nicht?
Matznetter: Das sind in Österreich bedauerliche Einzelfälle, die nicht vorkommen dürfen. Hier bedarf es einer lückenlosen Aufklärung, besonders deshalb, weil es um ein in öffentlichem Eigentum stehendes Unternehmen geht. Die Verantwortlichen sind auf beiden Seiten zur Verantwortung zu ziehen.
Sie fordern Transparenz in der Wirtschaft, gleichzeitig sind die Nebeneinkommen der Volksvertreter alles andere als transparent.
Matznetter: Der SPÖ-Klub hat die Offenlegung der Bezüge de facto fast einstimmig beschlossen.
„De facto fast einstimmig“ ist so ziemlich das genaue Gegenteil von einstimmig. . .
Matznetter: Es haben nicht alle offen gelegt, das ist richtig – und bezeichnend für unser Land. In einer amerikanischen Bank hängen die Gehälter von der Putzfrau bis zum Generaldirektor offen aus. Wenn Sie dort allerdings nackert in die Sauna gehen, werden sie schief angeschaut. In Österreich ist es umgekehrt. Es ist für Hunderttausende kein Problem, auf der Donauinsel nackt zu baden. Aber das Einkommen ist ein Tabu. Das finde ich nicht richtig, wenn es um öffentliche Gelder geht.
Aber selbst im öffentlichen Bereich werden neben den offiziellen Gagen saftige Boni bezahlt. Denken wir nur an die Asfinag.
Matznetter: Trotzdem ist da in den letzten Jahren sehr viel geschehen. Wenn das aber nicht ausreicht, müssen so strenge Regeln geschaffen werden, dass es zu keinen Exzessen kommt. Weil letztlich kommt jeder Euro, den ein Manager einsteckt, vom Steuerzahler.
Kann man Managern denn vorwerfen, lukrative Verträge zu unterschreiben?
Matznetter: Nein, den Vorwurf muss man dem Aufsichtsratschef machen. Der muss im Interesse der Aktionäre knausrig sein – und nicht möglichst großzügig.
Warum werden Manager im öffentlichen Bereich nicht so lange bestellt, wie die Regierung im Amt ist?
Matznetter: Ich weiß nicht, ob die österreichische Gesellschaft so weit ist.
Die Gesellschaft vielleicht schon. Die Frage lautet: Ist die Politik so weit?
Matznetter: Es gibt schon eine Mentalität im Land, die will, dass alle bis an ihr Lebensende in einer Position verharren. Nach dem Motto: Die Politiker wechseln, die Beamten bleiben. In Amerika ist das anders: Wenn dort eine Administration wechselt, wechseln viele Tausend Leute ihren Job. Dort ist es es aber auch selbstverständlich, dass es einen Wechsel zwischen Politik und Privatwirtschaft gibt. Bei uns läuft das nicht so.
ZUR PERSON
Christoph Matznetter (48) ist Finanzstaatssekretär und als solcher gleichsam der „rote“ Aufpasser im „schwarzen“ Finanzministerium. Der promovierte Politikwissenschaftler ist Steuerberater und war vor seinem Regierungsamt Finanz- und Budgetsprecher der SPÖ im Nationalrat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2007)