Starkbier am Stefanitag

Schenken und Trinken erfüllen eine wichtige Funktion: Sie sind zuweilen Angeberei.

Im schönen Aufschwungjahr 2007 sind die Weihnachtsgaben längst verteilt worden. Vom Asfinag-Boss bis zum Zentralbetriebsrat der ÖBB reicht die Lichterkette der Selbstbeschenker, die unter dieser so harmonischen wie gütigen österreichischen Bundesregierung dienen. Deshalb soll hierorts nicht vom Geben die Rede sein, sondern vom Feiern.

Der beherzte Rest des Feuilletons, der am Freitag noch in Erdberg seine Arbeit verrichtete, hat diese Weihnacht kurzerhand vorverlegt und eher römisch denn katholisch im Zeichen von Sol invictus begangen. Uns deuchte, die Sonne ließ sich schon wieder ein bisserl mehr Zeit, als sie um 16.02Uhr jenseits des Rochusmarktes unterging. Da wachte der fast schon volle Mond längst über unserem heidnischen Treiben. Wir zündeten die Kerzlein an und sprachen uns Mut zu für die kommenden Tage, denn sowohl für das Feiern als auch für das Geben braucht man Kraft.

Die Vergeudung sei uns angeboren, behauptet der Verhaltensforscher unter uns, der den Großraum nie verlässt, ohne ein Lineal, einen Bleistift oder zumindest einen Radiergummi mitzunehmen. Das diene der Arterhaltung. Der Webervogel webe seinem Weibchen einen Nestpalast, nicht weil sie ihn brauche, sondern weil er demonstrieren wolle, wie geschickt er weben kann. Eine andere Vogelart im paradiesischen Neuguinea lege der Umworbenen funkelnde blaue Steine vors Nest – reinen Luxus, die einzige Funktion ist Angeberei.

In diesem Sinne wäre selbst Kampftrinken mit Stefani-Bock entschuldbar: „Schaut her, was ich für eine Kraft hab'! Mich hauen selbst zwölf Liter Starkbier nicht um!“, demonstriert der balzende Steirer in seiner schmucken Hirschlederhose. Weihnachten ist also nicht nur die leiseste aller Geburten, sondern zugleich auch die lärmendste aller Leistungsschauen. Es ist das Fest des Revanchierens, des Rachenehmens an der Güte des Nächsten. Weihnachten endet, wenn alles schief geht, in einem Potlatsch, der großen Gütervernichtung durch größenwahnsinnige Häuptlinge. Wer spricht von Schenken? Überleben ist alles!

Keine guten Gaben also? Aber ja doch! Und viele gute Vorsätze noch dazu in dieser besinnlichen Zeit des Leichtsinns. 2008 bilden auch die 665 Script-Writer des Gegengiftes wegen des umwerfenden Erfolges von Moltenbauer und Guserer eine große Koalition, damit wieder ein Ruck geht durch diese Kolumne. Erste Beschlüsse sind bereits zu vermelden. 2008 werden wir 4,5Prozent mehr Trüffelschokolade essen und drei Prozent weniger arbeiten. Die nächsten zwei Zeilen widmen wir deshalb vorauseilend dem Weihnachtsfrieden.

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Und dem Dativ geben wir dann auch noch Verfassungsrang.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2007)

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