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Huainigg: „Behinderte Menschen wollen kein Mitleid“

Die Presse (Clemens Fabry)
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Interview. ÖVP-Behinderten-Sprecher Franz-Joseph Huainigg kritisiert die Aktion „Licht ins Dunkel“

Die Presse: Angenommen, die Aktion „Licht ins Dunkel“ verzeichnet einen neuen Spendenrekord. Würden Sie sich darüber freuen?

Franz-Joseph Huainigg: Natürlich, ich bin nicht gegen Spenden. Aber ich bin gegen die Art der Darstellung behinderter Menschen in dieser Spendenkampagne. Behinderte werden nur als arme Hascherln oder als Übermenschen dargestellt, nicht als Menschen mit Stärken und Schwächen.

 

Licht ins Dunkel ist eigentlich schädlich für die Behinderten?

Huainigg: Es passiert immer wieder, gerade in der Weihnachtszeit, dass man auf der Straße Geld zugesteckt bekommt. Eine Auswirkung dieser Kampagnen ist, dass man konditioniert wird: Man gibt Geld, dann geht es einem besser. Aber behinderte Menschen wollen nicht Mitleid, sie wollen integriert sein und selbstbestimmt. Licht ins Dunkel hat eine behindertenfreie Organisationsstruktur, die behinderte Menschen als Objekt sieht. Da entstehen dann solche klischeehaften Bilder.

 

Das heißt, es sollte einen behinderten Redakteur, einen behinderten Moderator geben?

Huainigg: Genau. Ein Moderator im Rollstuhl oder behinderte Künstler. Da gibt es ein großes Potenzial. Auch für die Integration Behinderter am Arbeitsplatz könnte Licht ins Dunkel meinungsbildend tätig sein. Drei Viertel der Spenden kommen ja von Firmen. Wenn die nachhaltige Jobs schaffen, statt überdimensionale Schecks in die Kamera zu halten, würde das viel mehr helfen.

 

Hat sich in den vergangenen Jahren die Situation Behinderter verbessert?

Huainigg: Ich glaube schon. Man kann die Welt natürlich nicht von heute auf morgen barrierefrei machen. Aber der Prozess ist eingeleitet worden.

 

Am Beispiel Beruf: Wie schwer hat es ein Behinderter, einen Arbeitsplatz zu finden?

Huainigg: Ich bekomme viele Briefe von Behinderten, die einen Job suchen. Da müsste man die Bemühungen verstärken. Ein Problem sehe ich bei jungen Menschen, die äußerst schwer einen Arbeitsplatz finden, weil es den besonderen Kündigungsschutz gibt. Viele Unternehmen haben Angst, dass sie einen Behinderten nicht mehr los werden.

 

Diese Angst ist ja durchaus berechtigt.

Huainigg: Es ist vor allem eine psychologische Hürde. Ein Unternehmer kann durchaus auch einen Behinderten kündigen, wenn die Leistung nicht erbracht wird. Dazu benötigt er die Zustimmung des Bundessozialamtes. Allerdings dauern diese Verfahren aus der Sicht der Unternehmer viel zu lange.

 

Sollte man den Kündigungsschutz bei Neueinstellungen abschaffen?

Huainigg: Ich bin nicht dafür, dass man ihn generell aufhebt, aber für neue Jobs braucht es flexiblere Regelungen. Das gilt vor allem für Mittel- und Kleinbetriebe, die keine Verpflichtung haben, Behinderte einzustellen. Wenn die es trotzdem machen, sollte es keinen Kündigungsschutz geben.

 

Wie schaut es eigentlich in der Schule aus? Wie gut funktioniert Integration?

Huainigg: Ich habe die Chance gehabt, als Kind eine Integrationsklasse zu besuchen, was in den 70er Jahren noch schwierig war. Ich glaube, dass das ausschlaggebend für mein weiteres Leben war und bin daher ein Verfechter der Integration. Es ist eine Chance, dass durch das gemeinsame Miteinander Vorurteile ausgeräumt werden oder gar nicht entstehen. Es gibt jetzt in fast jeder Volks- oder Hauptschule Integrationsklassen. Die Qualität ist sehr unterschiedlich und hängt von den Lehrern ab. Ich glaube, dass man die Lehrerausbildung verbessern muss.

Die Lehrer sind die eine Seite, aber wie geht es behinderten Kindern mit den Klassenkollegen. Wird da nicht oft gemobbt?

Huainigg: Integration ist keine heile Welt. Es hängt viel davon ab, wie mit Konflikten umgegangen wird. Aber auch das hängt wieder mit der Ausbildung der Lehrer zusammen.

 

Als behinderter Mensch sind Sie sicher oft mit dem Thema Sterbehilfe konfrontiert. Welche Position nehmen Sie da ein?

Huainigg: Ich bin für Sterbebegleitung, nicht für Sterbehilfe. Kardinal König hat einen sehr guten Satz geprägt: Nicht durch die Hand eines Menschen sterben, sondern an der Hand. Die Frage ist, was man tun kann, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Schmerz kann man lindern, da muss man auch die Palliativmedizin mehr ausbauen und fördern. Es geht darum, Menschen ein würdiges Ende zu erlauben.

 

Aber können Sie sich nicht trotzdem vorstellen, dass es Situationen gibt, in denen Menschen sagen, ich will nicht mehr leben?

Huanigg: Ja, die gibt es. Aber die Konsequenz kann nicht das Umbringen sein, sondern dass man die Frage nach dem Warum des Todeswunsches stellt und dann an den Rahmenbedingungen für eine bessere Lebensqualität arbeitet. Eine Euthanasie-Gesetzgebeung würde Tür und Tor öffnen. In den Niederlanden gibt es 2000 Fälle von aktiver Sterbehilfe im Jahr...


...Das sind dann nicht alles die extremen Einzelfälle, mit denen das Instrument immer begründet wird...

Huainigg: Genau. Aktive Sterbehilfe beginnt dort schon bei Kindern ab zwölf Jahren. Es wird diskutiert, dass schon ab der Geburt Euthanasie möglich sein soll. Oder es wird diskutiert, ob soziale Not und soziales Leiden als Argumentationsgrund ausreichend sind. An dieser Diskussion sieht man schon, dass das nicht der Weg sein kann. Ich bin dafür, dass man ein Verbot der aktiven Sterbehilfe in der Verfassung verankert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2007)