Alles gerettet? Alles gerichtet!

APA (Barbara Gindl)
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Akademietheater. Nicolas Stemann bezaubert mit einer eigenwilligen Inszenierung von „Die Brüder Karamasow“.

Die beste Show der Stadt bietet derzeit das Akademietheater in Wien. Zwölf einsatzfreudige Schauspieler haben am Samstag bei der Premiere der „Brüder Karamasow“ unter der gewitzten Anleitung Nicolas Stemanns das Mark von Fjodor M. Dostojewskis Groß-Roman freigelegt. Es geht um die zentralen Fragen, sie bleiben auch nach gut dreieinhalb Stunden offen, aber zuvor sieht man Welttheater voller Didaktik und Ironie.

So ähnlich müssen die Jesuiten ihren Schülern die Botschaft der Gegenreformation eingebläut haben. Die kalte Bühne mit symbolischen Resten bürgerlicher Wohnungen (Katrin Nottrodt) wird Vehikel für Spruchbänder, sie handeln von Freiheit – oder eben von Schuld. Beim Mord wird die Metallwand mit ihren Neon-Zeichen schief gestellt, alles gerät ins Rutschen. Einmal gar taucht, um ein paar hundert Seiten zu überbrücken, ein Häuschen mit vier offenen Zimmern aus dem Boden auf. Dort wird nicht nur gewohnt, sondern schnell gelebt. Die Musik (Thomas Kürstner/Sebastian Vogel) ist immer gegenwärtig. Aus den Gängen, von Emporen hallt das Blech, jubeln die Chöre zum post-historischen Gesamtkunstwerk (Dramaturgie: Joachim Lux).

Das furchtbare Poem vom Großinquisitor

Der Regisseur hat sich so wie bei seinen Jelinek-Inszenierungen am selben Haus als geschickter Interpret eines Text-Berges erwiesen. Wie kann man zum Beispiel die Wirkung eines allwissenden Erzählers ersetzen, der bei Dostojewski zielsicher durch die Familiensaga führt? Bei Stemann sprechen die Schauspieler immer wieder das Publikum an. Dieser zur Zeit in Mode gekommene Trick kommt stark zur Geltung, er macht auch die Dramatisierung des Romans kurzweilig, selbst wenn im Finale mit lockerem Stil ein wenig übertrieben wird und ausgerechnet durch Gags Längen entstehen.

Am besten beherrscht Joachim Meyerhoff das Beiseite-Sprechen, bei dem er seiner melodisch tiefen Stimme noch einige Modulationen hinzufügt. Er ist als großer Zweifler Iwan Karamasow der Star des Abends in einem äußerst konzentrierten Orchester voller Solisten. Iwan trägt, nachdem er es mehrmals angekündigt hat, sein „Poem vom Großinquisitor“ vor. Die Interpretation, bei der er die Rolle des strengen spanischen Kardinals mit der von Jesus, Iwan und dem Teufel zusammenfließen lässt, ist wirklich beeindruckend. Im Finale bietet Meyerhoff erneut ein solches Kabinettstück. Er spielt den geisteskranken Helden beängstigend gut. Alles gerettet? Alles gerichtet! Ganz zum Schluss, im Epilog, darf nicht der gute Aljoscha Karamasow (Sebastian Rudolph) vor Knaben auf das Wiedersehen im Jenseits hoffen, sondern einer von denen entpuppt sich als kindlicher Nihilist.

Die Zweifel eines Heiligen

Niemand bleibt unbeschädigt in diesem Lehrstück, weder Heilige noch Huren, weder Denker noch Kinder. Selbst der geile Vater Fjodor Karamasow leidet wie ein Hund: Martin Schwab ist ein rülpsender Spaßmacher, der bei seinem ersten Auftritt triebhaft die Luft-Gitarre schwingt, ein Medley gibt das von Lee Marvins „Wandering Star“ über Tschaikowski bis zu „Smoke on the Water“ von Deep Purple reicht.

Sein Kontrapunkt: Mönchlein Aljoscha, den radikaler Zweifel nach dem Tod des verehrten Staretz (Rudolf Melichar, heilig und komisch zugleich) menschlich macht. Fjodors Ebenbild auf Erden: Dimitri (Philipp Hochmair), der mit dem Vater um die scheinbar leichtlebige Gruschenka kämpft. Myriam Schröder spielt sie in Bestform, mit kaum zu bändigendem Sex aber auch mit der Trauer einer Ausgegrenzten. Die Rolle der stolzen Kontrahentin Katerina Iwanowna gerät Adina Vetter auch vorzüglich. Sie wandelt sich vom Opfer zur kalkulierenden Investorin mit Angst vorm Verschmähen.

Bis in die Nebenrollen wurde gut besetzt, vor allem mit Mareike Sedl als skurril gläubig-ungläubiger Frau Chochlakowa, aber auch mit Sachiko Hara als schriller Lisa, die nicht über ihre Behinderung klagt, sondern von Sadomasochismus schwärmt. Hans Dieter Knebel ist als angeblich aufgeklärter Geist die gelungene Karikatur eines 68ers. Auch Hermann Scheidleder in mehrfachen Nebenrollen macht im Slapstick eine gute Figur, und Thomas Lawinky wirkt als Diener Smerdjakow ausreichend unheimlich. Aus solchem Holz sind Vatermörder geschnitzt.

„Wer hat dir solchen Quatsch erzählt?“

Bilanz: Diese Dramatisierung eines epischen Achttausenders ist Stemann und seinem Team gelungen und toll in vielerlei Bedeutung; Rausch, dem die Ernüchterung folgt, Ironie, die zur Sanftheit neigt, exzessive Komik, die einen fast heiligen Ernst zum Kontrapunkt hat. „Wer hat dir solchen Quatsch erzählt?“, erwidert schließlich fragend der brave Aljoscha dem an Himmel und Erde zweifelnden Buben. Der Stemann war's, wissen wir nun. Und er hat ziemlich talentiert von Dostojewski abgeschrieben.

Termine: 28. Dezember 2007; 2., 5., 7. Jänner 2008, jeweils um 18 Uhr.

DOSTOJEWSKIS Meisterwerk

„Die Brüder Karamasow“ sind der letzte große Roman des russischen Klassikers (1821-81). Das 1200 Seiten umfassende Buch erschien 1879/80 in Sankt Petersburg. Es ist ein Familiendrama, eine Kriminalgeschichte, ein philosophisches Werk, das um die großen Fragen kreist: Um Schuld und Sühne, die Freiheit, den Tod und die Unsterblichkeit der Seele.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2007)

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