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Energie: Der Fluch und der Segen der Kohle

AP (Sven Kaestner)
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Im strukturschwachen Osten Deutschlands treibt Vattenfall den Braunkohle-Abbau trotz Widerständen voran.

Cottbus. Weiße Kreuze sind als Mahnmale in die Erde gerammt, wo sich vor ein paar Jahren die schlichten Bauernhäuser der Künstlerkolonie Lakoma ausgebreitet haben. Und ein jedes kündet vom Tod eines Dorfes. Liestow, Wusoka, Gralbica oder Horno sind so wie Lakoma im äußersten Osten Deutschlands Opfer des Braunkohleabbaus geworden. 40 Millionen Tonnen Braunkohle werden hier noch unter der Oberfläche vermutet, und anderswo in der Region schlummern noch mehr Ressourcen unter der Erde. In den nächsten Jahren werden in der Lausitz an der polnischen Grenze wohl noch weitere Weiler von der Bildfläche verschwinden.

So zumindest wollen es die Pläne des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall, der den Abbau hier vorantreibt. Nach Kräften wehren sich Bürgerinitiativen gegen die Absiedelungspläne. Neben allen anderen Nachteilen befürchten sie eine noch stärkere Abwanderung aus der strukturschwachen Region.


Die Jungen wollen lieber weg

„Viele wollen lieber heute als morgen weg, vor allem die Jungen. Die haben die Schnauze voll“, erzählt Manfred Nickel. „Wir haben Jahrzehnte von der Kohle gelebt. Jetzt muss es aber einmal gut sein. Was hier verloren geht, ist die Kohle nicht wert.“

Eine Unterschriftenaktion soll ein Volksbegehren in Gang bringen. Pfarrer Bernd lästert in Anspielung auf ein Versprechen Helmut Kohls über die „blühenden Landschaften“ und die falschen Investitionen, die die „Schöpfung“ vernichten. „Wirtschaftlich rentiert es sich, gesamtgesellschaftlich nicht“, lautet sein Fazit.


18 Prozent Arbeitslosigkeit

Doch was für die einen ein Fluch ist, ist für die anderen ein wirtschaftlicher Segen in einer Region, die unter einer drückenden Arbeitslosigkeit von 18 Prozent und mehr ächzt. Schon zu DDR-Zeiten hatte die Lausitz einen guten Ruf als Braunkohlerevier, im Arbeiter- und Bauernstaat stand die Stadt Cottbus als Synonym für Kohle und Energie.

Es ist eine Gegend, die auf Kohle gebaut ist. Cottbus und Umgebung haben von der Ausbeutung der Ressourcen gezehrt, bevor nach der Wende der Niedergang eingesetzt hat. Heute säumen Billigläden in greller Aufmachung die Cottbuser Innenstadt. Einst hat der Tagebau in der Region 100.000 Menschen in Lohn und Brot gehalten, nun sind es nur noch 10.000.


Braunkohle erlebt Renaissance

Braunkohle galt bis vor kurzem als umweltschädlich, überholt und unrentabel. Immer noch hängt der Braunkohle der Ruf eines Klimakillers an, nur haben sich die Rahmenbedingungen geändert. Seit die Öl- und Gaspreise in die Höhe geschossen sind, erlebt die Braunkohle jetzt wieder eine unerwartete Renaissance. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), vormals Umweltminister, tritt denn auch für einen Energiemix ein, der auch die Braunkohle einschließt.

Inzwischen hat sich Vattenfall ein Abbau-Monopol in den Bundesländern Sachsen und Brandenburg gesichert. Die großen Energieversorger haben Deutschland unter sich aufgeteilt, und auf Vattenfall ist der Osten entfallen. Neuerdings propagiert der Energie-Multi den Slogan von der „sauberen Kohle“. In einer Testanlage experimentiert er mit einem Verfahren, der die Kohlendioxidemissionen abspalten soll. Noch ist die Technologie aber nicht ausgereift, kritisieren Umweltschützer.


Größter Arbeitgeber der Region

In der Grenzregion hat der Konzern als größter Arbeitgeber das Sagen. Die Konzernzentrale ragt aus dem Stadtbild heraus, und selbst der Bahnhof trägt den Namen des Energiekonzerns, der im großen Stil Kultursponsoring betreibt. Kritiker unken freilich über die Monokultur. „Cottbus ist eine Großstadt mit Tagebau“, sagt der Umweltaktivist Ren Schuster – eine durchaus zweifelhafte Ehre. „Sie pumpen das Grundwasser ab, legen Teiche trocken und entziehen den Tieren die Grundlage - Zwergdommel, Fischotter und Eremitenkäfer.“

Abbaugebiete ziehen sich rings um die Stadt. In der Nähe der Stadt Weißwasser pflügen in einem riesigen Krater Fördermaschinen Furchen in die Landschaft, Bagger und Bohrmaschinen wühlen sich durch den Sand, fräsen sich durchs Gestein, um Kohleflöze ans Tageslicht zu befördern. Unweit davon stößt das Kraftwerk Boxberg dicke Schwaden in den trüben Himmel, der sich in den Wintertagen bleiern und schwer übers Abbaugebiet wölbt. Zu Zeiten des DDR-Regimes galt Luftverpestung noch als unerfreuliche Begleiterscheinung einer florierenden Industrie. Heute sind die Bewohner nicht mehr gewillt, dies so leicht hinzunehmen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2007)