Rückblick. Soll aus dem Rekord-Wust dieses Jahres ein Trend herausgelesen werden, dann muss er – selbst für den konservativen österreichischen Kunstmarkt – folgendermaßen heißen: Contemporary rules!
Folgt man Andy Warhol, wären die größten Künstler unserer Zeit unangefochten die Auktionatoren: „Good business is the best art“. Denn auch 2007 ist die als „Blase“ beschworene Hausse am Kunstmarkt nicht geplatzt – jedenfalls ging das Auktionsjahr trotz angestrengtesten Lauschens ob der US-Immobilienkrise letztendlich ohne bösen Knall zu Ende.
Die Jahresergebnisse der internationalen Auktionsriesen stehen zwar noch aus, einem überdurchschnittlichen Abschluss scheint aber auch heuer wenig im Wege zu stehen: Bereits im Halbjahr meldeten Christie's und Sotheby's historische Umsatzhöhen. Nur Sotheby's sorgte bei seiner New Yorker Auktion Klassischer Moderne im November für einen Schauder auf den Rücken von Händlern und Sammlern: Als nämlich mitten im Rekordgejodle, das alle keimenden Ängste zu übertönen trachtete, plötzlich van Goghs „Felder“ unverkauft blieben.
Neuer Rekord für Schiele-Zeichnung
Dafür wurde am selben Abend ein neuer Schiele-Rekord für eine Zeichnung erzielt: Das von der Nebehay-Familie eingebrachte Selbstbildnis mit kariertem Hemd erzielte 7,71 Mio. Euro. Trotz dieses Wankens gab es aber keine gröberen Anzeichen dafür, dass Buchautorin („Hype! Kunst und Geld“) Piroschka Dossi unrecht hatte, als sie im Oktober in der „Welt“ über den Kunstmarkt schrieb: „Die Gier beherrscht alles.“
Soll aus dem Rekord-Wust des Jahres – für Korane (1,6 Mio. €), Warhol (53,1 Mio. €), chinesische Kunst (6,10 Mio. €), Skulptur („The Guennol Lioness“, 40 Mio. €) – dennoch ein allgemein gültiger Trend abgeleitet werden, wird man sich wohl auf folgenden verständigen müssen: Contemporary rules!
Mit der Versteigerung von Mark Rothkos Hochformat „White Center“ im Mai bei Sotheby's in New York um 53,6 Mio. € scheinen alle Grenzen gefallen. Denn diese Preisklasse war bisher allein den Impressionisten vorbehalten. Im November erreichte Jeff Koons dann mit 16 Mio. € für sein zweieinhalb Meter hohes „Hanging Heart“ den höchsten Preis, der je bei einer Auktion für das Werk eines lebenden Künstlers gezahlt wurde. Um von Damien Hirsts über seine Galerie um kolportierte 75 Mio. € verkauften Diamant-Schädel gar nicht erst zu reden.
Ein Alter Meister vor Manzoni
Selbst am österreichischen Kunstmarkt arbeiten sich die Zeitgenossen langsam hoch: Zwar ging der höchste Preis heuer wieder an ein Altmeister-Gemälde – Guido Cagnaccis „Lucrezia“ im Dorotheum um 1,4 Mio. € –, doch bereits Platz zwei und drei belegen zwei Zeitgenossen: Piero Manzoni und Yayoi Kusama. Beides internationale Künstler, beide Werke in einer äußerst beachtenswerten Auktion ebenfalls im Dorotheum versteigert. Was einen nicht unwesentlichen Teil dazu beitrug, dass das Haus sein 300-Jahr-Jubiläum alles andere als ehrwürdig und tatsächlich in Jubel beenden konnte: Der Gesamtumsatz aller Auktionen belief sich auf 123 Millionen Euro. Das sind über 30 Millionen mehr als das Rekordergebnis 2006. Und auch insgesamt stellt das Geburtstagskind dominante acht der zehn höchsten Auktionsergebnisse dieses Jahres in Österreich.
Die beiden anderen Ergebnisse wurden „Im Kinsky“ erzielt, das sich ebenfalls über das bisher erfolgreichste Jahr freuen kann: Gegenüber 2006 konnten die Umsätze um 33 Prozent auf 21,4 Mio. € gesteigert werden. Den höchsten Preis allerdings wurde in einer neuen Kategorie erzielt, den Asiatika: Das „Lotusblütenbild“ von Zhang Daiquan ging um 545.600 Euro weg. Dafür wurde Maria Lassnig als teuerste österreichische Künstlerin bestätigt: Mit 292.000 € für „Mit einem Tiger schlafen“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2007)