Gewinn & Verlust: Der Staat als Nothelfer

In der Finanzkrise sind verteufelte Staatsfonds herzlich willkommen.

Wer sich in einer Notlage befindet, wirft seine Prinzipien schon mal schnell über Bord. Das zeigt sich auch in der aktuellen Finanzkrise, die durch den Kollaps des US-Hypothekenmarktes entstanden ist und immer weitere Kreise zieht: Von hohen Abschreibungen und Verlusten gebeutelt, müssen jetzt sogar renommierte internationale Groß- und Investmentbanken bei den noch vor kurzem verteufelten asiatischen und arabischen Staatsfonds um Kapitalspritzen anklopfen.

Die Liste jener Banken, die sich derart schon Entlastung verschafft haben, ist in der Tat eindrucksvoll. Für den ersten Paukenschlag sorgte der amerikanische Finanzkonzern Citigroup, wo sich mit 7,5 Milliarden Dollar die Abu Dhabi Investment Authority eingekauft hat. In Singapur fündig geworden sind das US-Brokerhaus Merrill Lynch und die Schweizer Großbank UBS: Rund fünf Milliarden Dollar lässt die Investmentgesellschaft Temasek für eine knapp zehnprozentige Beteiligung an Merrill Lynch springen, und der UBS hilft mit 9,75 Milliarden Dollar die Singapore Investment Corporation aus der Patsche.

In den USA sind inzwischen selbst Nothelfer aus dem ansonsten oft heftig kritisierten China willkommen: Der Staatsfonds CIC engagiert sich mit fünf Milliarden Dollar oder knapp zehn Prozent bei der Investmentbank Morgan Stanley, und an Bear Stearns beteiligt sich die Staatsbank Citic mit einer Milliarde Dollar.

Allein die genannten Engagements summieren sich auf fast dreißig Milliarden Dollar, und weitere in anderen Finanzhäusern werden sehr wahrscheinlich folgen. Denn die Finanz- und Kreditkrise ist noch lange nicht ausgestanden, was den bisher verpönten Staatsfonds durchaus zupass kommt: Sie sitzen nämlich auf einem aus Devisenreserven dotierten Veranlagungsvolumen von rund 3000 Milliarden Dollar und nutzen die Gunst der Stunde, sich in Abwesenheit ängstlich gewordener privater Anleger billig in das westliche Bankensystem einzukaufen. Ob sie dort tatsächlich, wie angekündigt, nur „passive“ Aktionäre sein werden, wird von der Rendite ihrer Beteiligungen abhängen.

Aus dem Umstand, dass die Staatsfonds just bei den als Bannerträger des Kapitalismus geltenden Großbanken hoffähig geworden sind, lassen sich jedenfalls interessante Schlüsse ziehen. Erstens haben wir es offenbar mit einer schweren Bankenkrise zu tun, deren Bewältigung man nicht allein dem Markt überlassen kann. Und zweitens wird, wenn die Kapitalisten plötzlich den Staat entdecken, der Begriff Marktwirtschaft bald einmal neu zu definieren sein.


economist@diepresse.comDie Kolumne „Gewinn & Verlust“ erscheint jeden Donnerstag. Sie vertritt ausschließlich die Meinung der Autorin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2007)


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