KUNST UND KIRCHE. 2007 schufen in Deutschland Maler-Stars wie Gerhard Richter und Neo Rauch Kirchenfenster. Dafür hat die Oststeiermark Flora Neuwirth.
Seit Anfang der 60er Jahre, seit dem Bau der Kirche durch Karl Schwanzer, hat Arnulf Rainer sein monumentales, so mythisch dunkelblau glimmendes Glasfenster in der Pötzleinsdorfer Pfarre nicht mehr besucht. Irgendwann einmal sei es verstellt oder verhängt gewesen, habe er vernommen. Und welcher Künstler will sein Werk schon derart geschmäht sehen. Aus den jüngeren Gedächtnissen der Pfarre ist dieser Fauxpas allerdings nicht mehr abrufbar. Vielmehr ist das Fenster, das die Marienstatue in der Kapelle wie mit einem blauen Mantel hinterfängt, heute ein Stolz der Gemeinde.
Rainers Fenster wird hier überdauern, fern von Moden, Sammlerlaunen, Platznot. Ist es vielleicht genau dieses Versprechen von Unsterblichkeit, das jetzt, in Zeiten des hektisch florierenden Kunstmarkts so auffallend viele berühmte Maler wieder dazu verleitet, ihre Handschrift in Kirchen zu hinterlassen? Gerade in Deutschland sorgten heuer gleich mehrere Maler-Stars für Glasfenster – und 2008 wird Sigmar Polke seinen Zyklus für das Münster in Zürich beenden.
Mitte Dezember enthüllte Markus Lüpertz zwei Fenster seiner seit 1992 entstehenden Ausstattung für die Kölner Kirche St. Andreas. Einen Tag vor Weihnachten wurden im Naumburger Dom die drei Fenster des Leipziger-Schule-Gründers Neo Rauch in der Elisabeth-Kapelle enthüllt. Die schmalen romanischen Fensteröffnungen versuchte er vor allem mit Farbreduktion (rubinrot und weiß) zu meistern. In seinem retro-holzschnitthaften, märchenhaft-illustrativen Stil stellte er drei Szenen aus dem Leben der Hl. Elisabeth von Thüringen dar. Und stiftete als eine Art Weihnachtspräsent die Entwürfe den Vereinigten Domstiftern.
Eine nicht zu verachtende Spende, die ihm Gerhard Richter im August allerdings bereits vorgemacht hatte. Auch er, der seit Jahren das Capital-Kunst-Ranking anführt, gab dem Kölner Dom seine computergenerierten Pixel-Pläne für das 113 Quadratmeter große Fenster des Südquerhauses zur Verwahrung. Die 11.250 bunten gläsernen Quadraterln spalteten wie zu erwarten die Meinungen, und entlockten Kardinal Meisner den mittlerweile berühmten Sager, dass das Fenster eher „in eine Moschee“ passe.
Für Wiens Kirchen? Keine Fenster geplant
Was den Wiener Jesuitenpater Gustav Schörghofer vom Otto-Mauer-Fonds wenig erschüttert, war doch „eine der wunderbarsten Kirchen aller Zeiten, die Hagia Sophia, lange Zeit Moschee und ist Mutterbau vieler Moscheen. Der Geist ist halt größer, als dass er bloß römisch-katholisch wäre.“ Die Kirche habe auch für Nicht-Figurales eine Tradition, etwa die Kunst der Zisterzienser. In Wien sind in naher Zukunft jedenfalls keine Glasfenster zeitgenössischer Künstler geplant. Für den Stephansdom, erinnert sich Schörghofer, gab es das Projekt, Chagall um ein Fenster zu bitten: „Er hätte es wohl getan, ist dann aber gestorben.“
Als wesentlich offenere Anlaufstelle für Künstler erweist sich seit geraumer Zeit auch in der Glasfenster-Frage die Diözese Graz. Abgesehen von älteren Beispielen wie den Fenstern Fritz Panzers in der Münzgrabenkirche oder Michael Kienzers Gläsern in der Priesterseminar-Kapelle kann St. Andrä als Musterbeispiel genannt werden: 2001 baute Markus Wilfling in ein Fenster eine Glastüre ein. Dann kam noch ein Fenster Gustav Trogers auf der Empore dazu, das sieben Fäuste zeigt, die sieben Scheiben zerschlagen, was, laut Pfarrer Hermann Glettler, das Öffnen der sieben Siegel neu interpretiert.
Als Kunstgutachter der Diözese hatte Glettler heuer im Oktober auch die äußerst seltene Aufgabe, Kirchenfenster einer Künstlerin „abzusegnen“. Flora Neuwirth ist eine der wenigen, zumindest in Österreich, die sich einer solchen Aufgabe stellte. Als „fröhlich und mystisch“ zugleich beschreibt Glettler jetzt die Atmosphäre, in die die zwölf Glasfenster die gotische, im Barock um zwei Seitenschiffe erweiterte Pfarrkirche Gnas (Oststeiermark) tauchen.
Farb-Bausteine aus digitalem Druck
Neuwirth variierte die ursprüngliche Rasterung der barocken Fenster fast mondrianesk: Einmal bilden drei gleich große Glas-Streifen das Fenster, dann vier quadratische und ein längliches, dann wiederum ein großes und zwei kleine Quadrate usw. Die ungewöhnliche Farbigkeit beruht auf sieben Grundfarben des digitalen Farbdrucks wie Magenta, die für jedes Fenster eine einzigartige Kombinationen bilden. „Durch diese bewusste Reduktion auf die ursprünglichen Farbbausteine aktueller Farbdruckwerke ermöglicht die Künstlerin eine klare und kritische Distanz zu allem Zuviel an Bildinformation in unserer Zeit“, beschreibt es Glettler. Aus dem Kircheninneren bleiben durch die Fenster Bäume, Umgebung, Alltag gut erkennbar. Aber eben wie durch einen Filter. Nur die weißen Felder sind milchig, verwehren die klare Aussicht, schenken Spannung.
Natürlich gab es auch hier im Vorfeld Diskussionen, doch letztendlich schwärmt Flora Neuwirth von der „positiven Grundstimmung“ in der Gemeinde. Nachdenklich zeigt sich dagegen noch das Denkmalamt, das erwägt, die Fensterflächen noch stärker durchteilen zu lassen. Wovon Glettler nichts wissen will. Für ihn gehören die Fenster zu den „Aufsehen erregendsten und qualitativsten Schöpfungen zeitgenössischer Sakralkunst“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2007)