Die Rückkehr der Parallelaktion

Deutschland wird nicht Europameister, und die Schweiz fliegt schneller raus als Österreich.

Wenn der Achter umfällt, wird er unendlich, sagen unsere Zwillinge, die kurz vor Weihnachten in der Volksschule begeistert damit beschäftigt waren, über den Zehner zu rechnen. Wir wollen aber heute bei der wunderbaren Doppelrundung verweilen, die unerbittlich Metternich und die Liberalen (1848), Kaisertreue und Republikaner (1918), Nazis und Abwehrkämpfer (1938), Studenten und Talare (1968) in Nostalgie aneinander knüpft. (Vom Annus mirabilis 1958 wollen wir schweigen, dazu reicht hier der Platz nicht.)

Der schönste aller Achter wäre, gäbe es das alerte Gegengift nicht, vielleicht gar übersehen worden. 2008 wird das Musil-Jahr der versäumten Möglichkeit. Der Mann ohne Eigenschaften, dieses lose Blätterwerk, wird von einer genialen Idee zusammengehalten – der Parallelaktion. Sie ist rasch auf 2000 Seiten erklärt: Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs bereitet Wien für das Jahr 1918 das 70. Regierungsjubiläum des Kaisers Franz-Josef vor. Man wähnt sich überlegen, weil der deutsche Wüstling Willi zwo im selben Jahr nur 30 Jahre Herrschaft aufzuweisen hätte. Leider wurde aus dem Habsburger-Fest nix. Bei Robert Musil kann man nachlesen, warum es für Jahrzehnte finster ward.

Bald aber, wenn der nächste Achter (der mit der Doppelnull als Vorhut) aufsteht aus der Unendlichen Geschichte, dräut dem Haus Österreich eine neue Parallelaktion. Diesmal messen wir uns mit den Schweizern. Über die Euro 2008, das sage ich bestimmt voraus, werden noch große Epen geschrieben werden, mit einem glücklicheren Ende als bei Musil, der einen korrekten Abschluss verweigert hat. Deutschland wird nicht Europameister, und die Schweiz fliegt schneller raus als Österreich. Gewinnen wird eine der verloren gegangenen Kronländereien.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2007)

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