Analyse. Vor einem Jahr trat Alexander Wrabetz sein Amt als ORF-General an. Nach Programm-Flops, Digitalisierung und Quoten-Sturz ist sein Macher-Image perdü.
Den „Super-Alex“ haben nicht wir Journalisten erfunden, sondern Alfred Dorfer in seinem „Donnerstalk“ (aber wir hätten gern). Aufs Podest gestellt wurde der ehemalige kaufmännische Direktor des ORF im Rennen um die Nachfolge von Monika Lindner aber von einer bunten Regenbogenkoalition aus der federführenden SPÖ, gefolgt von BZÖ, Unabhängigen, Grünen und Freiheitlichen. Nur in den Reihen der ÖVP wurde die Wahl von Alexander Wrabetz im August 2006 mit Zähneknirschen zur Kenntnis genommen – ein Missmut, der sich im ersten Jahr seiner Amtszeit alles andere als gelegt hat. Am 1.Jänner ist Wrabetz nun ein Jahr im Amt. Was hat er dem ORF gebracht – außer einen Farb- und Machtwechsel?
Verheißene Dynamik, verflogene Euphorie
Vor allem eine Programmreform, die Wrabetz, der Kaufmann, zwar ambitioniert, aber viel zu rasch (bereits im April 2007) und zum falschen Zeitpunkt durchzog (international gilt der Herbst als beste Zeit für eine Neuordnung). Das verhieß Dynamik (da war er tatsächlich jener „Super-Alex“, der den Karren ORF aus dem Dreck ziehen wollte). Doch die Euphorie von Mitarbeitern und Zuschauern war rasch verflogen. Mit „Mitten im Achten“ zogen Wrabetz und sein Programmdirektor Wolfgang Lorenz aus dem Pool der bereits unter Lindner angedachten Programme nicht nur eine veritable Niete – sie platzierten diese chancenlos, wie sich heraus stellte, als Alternative gegen die „ZiB“. Deren Nicht-Durchschaltung ging zwar relativ widerstandslos in der Öffentlichkeit durch – dafür floppte „MiA“, musste abgesetzt werden, und gilt seither als Symbol für den Misserfolg der TV-Programmreform. Die von Wrabetz erhoffte „massive Steigerung der Quoten“ im Vorabend – durch „Wie bitte?“, „MiA“, und „Szene“ auf ORF1 – ist massiv ausgeblieben. Der Vorabend bleibt eine Baustelle.
Das ORF-Programm haben nicht die Journalisten kaputt geredet. Das behaupten manche in den ORF-Chefetagen. Das geht aber gar nicht. Denn: Den Erfolg muss sich jeder TV-Sender bei seinen Zuschauern selber verdienen. Dass das kein Leichtes ist in Zeiten steigender Durchdringung der Haushalte mit Kabel -und Satelliten-Anschlüssen (und der damit einher gehender riesiger Auswahl an Programmen), dass das nicht leichter wird, wenn das ganze Land auf digitalen Antennen-Empfang umgestellt wird (und deshalb tausende Haushalte, die nicht aufgerüstet haben, zumindest vorübergehend ohne ORF-Empfang bleiben) – das ist klar. Allein die Zahl der Haushalte mit digitalem Satelliten-Anschluss stieg innerhalb nur eines Jahres (von Oktober 2006 auf Oktober 2007) von 22 auf 33%.
Quoten-Desaster zu Weihnachten
Dass die ORF-Führung selbst zwar die Begleitumstände kannte, die Auswirkungen auf Quoten und Marktanteile jedoch unterschätzte, ist auch klar. Immerhin hatte sich das ORF-Management für 2007 selbst einen durchschnittlichen täglichen Zielmarktanteil von optimistischen 41 Prozent verordnet. Von dessen Erreichung ist mittlerweile keine Rede mehr. 39,45% waren es bis einschließlich November. Das lässt sich auch im Dezember nicht aufholen. Nicht einmal das mit zahlreichen Programm-Zuckerln garnierte Feiertags-Programm wollte zur Hebung der Stimmung beitragen: der ORF erzielte in Haushalten mit Kabel- und Sat-Anschluss (Zielgruppe 12+) nur zwischen 33,5% (am 24.Dezember) und 35,2% (am 26.12.). Ein weihnachtliches Quoten-Desaster als zusätzliche Bescherung – nicht, dass Wrabetz das noch gebraucht hätte.
Nur mit hauchdünner Mehrheit konnte Wrabetz die Gebührenerhöhung durchsetzen: 9,4% mehr ab Juni 2008. Nur so kann der ORF stabil bilanzieren. Den Finanzplan konnte Wrabetz im Stiftungsrat (noch) nicht durchbringen. Um für 2009 ein schweres Jahr im ORF vorherzusagen, braucht es also keine Glaskugel. Da reicht das kleine Einmaleins aus Politik und Wirtschaftskunde.
TO-DO-LISTE
2008 steht im ORF eine EU-Prüfung an; Wrabetz will außerdem eine externe Management-Beratung beauftragen; das Budget 2008 und die Finanzvorschau bis 2010 müssen noch durch den Stiftungsrat; die Diskussion über eine strukturelle Reform des ORF ist zu führen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2007)