Wechseljahre für die Wiener Kultur

APA (Herbert Pfarrhofer)
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Vorausschau. Ende 2008 geht KHM-Chef Seipel in Pension, Burgtheater-Chef Bachler zuvor halb nach München.

Ein Jahr des Übergangs erwartet die Kultur im Großraum von Wien, selbst wenn die Bundesregierung auf absehbare Zeit wie in Beton gegossen scheint und diesem Bereich zumindest budgetär kein übertriebenes Augenmerk schenkt. Wilfried Seipel, der seit 1990 das Kunsthistorische Museum leitet, beginnt 2008 sein letztes Jahr als Generaldirektor der bedeutendsten Sammlung Österreich. Wie es sich für einen Ägyptologen geziemt, wird er im Finale ganz großes Weltkulturerbe offerieren – im Völkerkundemuseum regiert ab 9.März bis in den Herbst hinein „Tutanchamun“, ein umstrittener Pharao, um den sich Legenden ranken.

Auch Seipel ist bereits legendär. Er hat dem KHM kleinere Sammlungen vom Theatermuseum bis hin zum Tiroler Schloss Ambras einverleibt und Österreichs kulturelle Landschaft stark geprägt. Seipel bleibt der große Erneuerer, selbst wenn das durch die Skandale, die SPÖ und Grüne als Oppositionsparteien dem konservativen Generaldirektor anhängen wollten, zuletzt etwas verdeckt wurde und dazu noch das Ungemach mit dem entwendeten Cellini-Salzfass, der unschätzbaren „Saliera“, kam. Ein wenig kleinlich wirkt es, dass die Politik große abschließende Projekte Seipels – die neue Kunstkammer und die Überdachung eines KHM-Innenhofes – erst nach seiner Pensionierung Ende 2008 verwirklichen lässt.

Internationale Erweiterungspläne des MAK

Zwei der begehrtesten Posten im Kulturmanagement sind also demnächst von Kunst-Ministerin Claudia Schmied (SPÖ) zu vergeben: der im KHM und der im MAK. Im Jahr nach Seipel kommt nämlich auch die Ablöse eines weiteren Langzeit-Direktors. Peter Noever, der das Museum für Angewandte Kunst seit 1986 leitet, hat also noch ein bisschen Zeit, sich um die Ausweitung seines weitläufigen Hauses am Ring zu kümmern. Die Außenstelle in Los Angeles, das Schindler-Haus, hat sich als internationales Aushängeschild bestens bewährt. Jetzt will Noever noch einen zweiten Schindler-Bau retten. Der Nachfolger kann sich dann vielleicht aufs Kerngeschäft konzentrieren und wieder Wien und nicht New York zur Hauptstadt des Wiener Jugendstils machen.

In der Darstellenden Kunst herrscht anscheinend Stabilität, selbst in der kriselnden Volksoper. Burgschauspieler Robert Meyer, von einigen Kritikern, auch vom Schreiber dieses Textes, bei seiner Bestellung zum Direktor mutwillig unterschätzt, hatte einen höchst erfolgreichen Einstieg. Das war vor allem dann der Fall, wenn er selbst auf der Bühne stand. Es gibt aber noch viele offene Fragen, die musikalische Zukunft der Volksoper bleibt mehr als ungewiss.

Die Staatsoper, Hort der Stabilität

Kann man das bei der Staatsoper ausschließen, diesem Hort der Stabilität, der seit 1992 von Ioan Holender geleitet wird? Er soll bis 2010 im Amt bleiben. Der Staatsoperndirektor hat exzellent gewirtschaftet, sein im Dezember begonnenes „Ring“-Projekt zeigt bisher, was ein erstklassiges Haus leisten kann. Diesen neuen „Ring“ prägt auch schon der künftige Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst, der ab 2010 neben Direktor Dominique Meyer das Haus leiten wird – das ist eine kluge Maßnahme für einen harmonischen Übergang. Allerdings hinterlässt der alte Direktor auch ein nicht zu unterschätzendes Problem. Die Orchester-Frage ist ungelöst. Eine noch dramatischere Angelegenheit, die drohende Unterfinanzierung der Bundestheater, die bald auch die Staatsoper betreffen könnte, muss allerdings vorwiegend die Politik lösen.

Für Burgtheaterdirektor Klaus Bachler ist das Budget seines Theaters kein Problem mehr. Bis zu seinem endgültigen Abschied nach der Saison 2008/9 ist die Finanzsituation beherrschbar. Allerdings wird Bachler bereits ab Mitte 2008 nur mehr partiell zur Verfügung stehen. Er hat dann im Herbst die Doppelrolle des neuen Intendanten der Bayerischen Staatsoper in München und des scheidenden Burgtheater-Chefs. Die Planungen für die letzte Saison in Wien seien längst abgeschlossen, sagte Bachler jüngst der „Presse“. Zu den Großprojekten zählen ab Frühjahr Weiteres im Shakespeare-Zyklus („Heinrich VI.“, „Richard III.“, „Macbeth“) sowie „Faust I“ und „Faust II“ in der Regie von Jürgen Gosch im Oktober 2008. Dann wird in Wien immer öfter Matthias Hartmann zu sehen sein, derzeit noch Intendant in Zürich, ein solider deutscher Handwerker, der wenig Wert auf politisches Pappnasen-Theater legt, aber dennoch gute Leute bindet. Eine Inszenierung des Schauspielhauses Zürich, „Der Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza unter der Regie von Gosch, hat 2007 den „Nestroy“ für die beste deutschsprachige Aufführung gewonnen.

Erfreuliches im Schauspielhaus

Aus Bachlers Team kommt der interessanteste neue Intendant der Wiener Bühnen: Andreas Beck, bis Mitte 2007 Dramaturg des Burgtheaters, hat die Leitung des Schauspielhauses übernommen. Er konzentriert sich mit einem engagierten kleinen Ensemble auf frischeste Literatur und ist mit einer Reihe von Uraufführungen bisher positiv aufgefallen. So schwungvoll war weder der beachtliche Start Herbert Föttingers in der Josefstadt 2006 und schon gar nicht jener von Michael Schottenberg im Volkstheater 2005, dessen Betrieb nach einem Fehlstart jedoch inzwischen einigermaßen stabil läuft. Beide Häuser brauchten jedoch dringend einen echten Coup.

Sparen, Sparen, Sparen im ORF

Und wie wechselhaft präsentiert sich der ORF im kommenden Jahr? Durch die kräftige Gebührenerhöhung, die ab Mitte 2008 schlagend wird, hat sich der staatliche Rundfunk ein wenig Luft verschafft, die in einem Jahr mit Großereignissen wie der „Euro'08“ und den Olympischen Spielen in Peking dringend erforderlich sein wird. Doch die langfristigen strukturellen Probleme wurden damit nicht gelöst.

Generaldirektor Wrabetz und seinem Team steht ein harter Sparkurs bevor, unter ungünstigen Vorzeichen. Die Quote ist offenbar weiterhin im Sinken, das bringt weniger Erlöse, noch weniger Spielraum, die Spirale dreht sich. Von der größten Programmreform aller Zeiten, die nach Antritt von Wrabetz, Programmdirektor Lorenz und Informationsdirektor Oberhauser angekündigt und dann verjuxt wurde, kann 2008 keine Rede mehr sein. Klotzen kann man auf dem Küniglberg nur mehr in den notwendigsten Fällen (siehe auch Analyse S. 32).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2007)

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