Es soll mir kein Chavez kommen und die öffentlichen Uhren auf halb eins stellen!
Ich verspreche: 2007/08 war der letzte Jahreswechsel, in dessen Vorfeld ich Menschen, die mir unschuldig „einen guten Rutsch ins neue Jahr“ wünschen, darüber belehrt habe, dass sie einer Volksetymologie aufsitzen und der „Rutsch“ vom hebräischen Namen fürs Neujahr („Rosch haschana“) kommt!
Erstens weil man ab einem gewissen Alter die Altklugheit doch allmählich zurückschrauben sollte, zweitens weil mir das Bild vom Rutschen eigentlich gut gefällt. Es hat ein bisschen was von Bananenschalen-Slapstick, es erinnert an Wintersport, an den (seit Jahrzehnten nicht gehörten) Jethro-Tull-Song „Skating away on the thin ice of the new day“, und es gibt zu denken: Rutschen wir auf der Zeit? Rutscht sie uns entgegen? Oder rutscht sie mit uns auf ihrem Rücken?
Steven Pinker drückt das in seinem geistreichen neuen Buch „The Stuff of Thought“ so aus: Wir stellen uns die Zeit als Landschaft vor, durch die wir uns (und die anderen Objekte der Welt sich) bewegen. Oder wir stellen sie uns als Prozession vor. Diese beiden Bilder sind unvereinbar. Das, so Pinker, macht z.B. den englischen Satz „Wednesday's meeting has been moved forward two days“ zweideutig: Bedeutet er, dass das Treffen am Montag oder am Freitag stattfindet?
Wenn man die Zeit als Landschaft sieht, dann heißt „move forward“, dass man sich in der Zeit vorwärts bewegt: Das Treffen wird also auf Freitag verlegt. Wenn man die Zeit als Prozession sieht (in der die Tage auf einen zu marschieren), dann heißt „move forward“, dass ein Ereignis mit dieser Prozession einem näher kommt: Das Treffen wird auf Montag vorverlegt. (Auf Deutsch funktioniert das Beispiel leider nicht, weil „vorverlegen“ eindeutig diese Interpretation impliziert.) Wie man das „move forward“ im obigen Satz interpretiert, hängt davon ab, was einem davor durch den Kopf gegangen ist, das zeigten Experimente der US-Psychologin Lera Boroditsky: Wenn sich eine Testperson (auf Anweisung der Versuchsleiterin) gerade erst vorgestellt hat, dass sie einen Sessel durchs Büro schiebt, dann glaubt sie, dass das Treffen auf Freitag verschoben wird; hat sie sich vorgestellt, dass sie einen Sessel mit einer Schnur zu sich zieht, dann kommt sie auf Montag.
Ob Landschaft oder Prozession, wir sollten froh sein, dass wir bei nicht-relativistischen Geschwindigkeiten (also deutlich unter der Lichtgeschwindigkeit) leben und die Zeit in Ruhe lassen; die alljährlichen Umstellungen auf Sommer- resp. Winterzeit sind schlimm genug. Die Idee des venezuelanischen Präsidenten Hugo Chavez, für sein Land eine Zeitzone mit halbstündigen Abstand zur nächsten Zone zu definieren, finde ich, bei allem Wohlwollen für amerikakritischen Aktionismus, lächerlich bis beängstigend.
An Zuverlässigkeit gewonnen haben indessen die Wiener Würfeluhren, über deren chaotische Anzeigen ich in einer vergangenen Kolumne geraunzt habe: Sie stehen erstens kurz davor, als Werbeträger für die Wiener Städtische Versicherung zu dienen, und zweitens zur Zeit fast immer auf zwölf. Ob zwölf Uhr Mittag oder Mitternacht, das kann man je nach Laune interpretieren. Ich hänge einer radikalen Konstruktion an: Sie stehen immer auf Silvester. Soll mir kein Chavez (und keine Versicherung) kommen und sie auf halb eins stellen!
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2008)