Im Test: Was taugen Wiens Bibliotheken?

Die Presse (Clemens Fabry)
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Studium. Wer sich monatelang auf Prüfungen vorbereitet, sucht sich gerne einen fixen Platz zum Lernen. „UniLive“ besuchte fünf beliebte Bibliotheken und sprach mit Studenten, die dort ihren Lernalltag verbringen.

Je näher die Prüfungszeit, desto dringlicher die Frage nach dem besten Lernplatz. Beliebteste Orte dafür sind die Bibliotheken der Universitäten. Dort genießen Studenten die Ruhe im Lesesaal und die sozialen Kontakte in der Lernpause. Zu Hause lenkt einen ja doch immer wieder der Fernseher ab, oder man bemerkt, dass Klo, Bad oder Fenster endlich wieder geputzt werden müssten.

Unter der Woche stehen unzählige Bibliotheken zur Auswahl: neben den großen Hauptbibliotheken bieten auch die kleinen Fachbibliotheken Leseplätze an (fast 50 Fachbibliotheken allein der Uni Wien). Am Wochenende wird es jedoch eng: Sonntags geöffnet haben nur der Lesesaal im AKH, das Afro-Asiatische Institut und der Lesesaal der Bibliothek im Museum für angewandte Kunst (MAK). Dort füllen sich die Plätze schnell, denn viele Studenten würden am liebsten im 24/7-Takt lernen. Das Klischee der faulen Studenten stimmt also schon lange nicht mehr.

Der Weg in die Universitätsbibliothek (im Studenten-Jargon einfach nur UB genannt) der Universität Wien führt an der großen Aula vorbei, wo die Sponsionierenden auf ihr Diplom anstoßen. In der UB angekommen werden Mäntel, Jacken und Trinkflaschen im Garderobenkästchen eingesperrt, dann darf man in den ältesten Lesesaal des deutschen Sprachraums (Gründung 1365).

Das Ambiente erinnert an alte Filme. Die Tische und Sessel wirken ehrwürdig oder einfach abgenutzt. Leise ist es nicht, da man das Knarren der Holzsessel und die Schritte auf dem Steinboden durch den ganzen Raum hört.

Lebendig statt steril

Fenster gibt es keine, an den Wänden stehen Bücher in zwei Etagen, die lernenden Studenten sitzen im Mittelpunkt.

Zoi Matsouka und Miriam Wahdat sind erst seit wenigen Wochen in Wien, aber die UB ist schon der Ort geworden, wo sie die meiste Zeit verbringen. „Bei uns in Hamburg war die Bibliothek weiß und steril. Hier hat man so ein wissenschaftliches Gefühl, das zum Lernen anregt“, meint Wahdat. Für die Arabistikstudentin zählt der Leseplatz als Arbeitsplatz. Die Theaterwissenschaftsstudentin Matsouka kann sich zu Hause nicht konzentrieren, weil sie im Doppelzimmer wohnt. Da kommt sie lieber in die UB: „Es heißt immer Flirtbörse und so. Sicher nutzen das einige, aber ich konzentriere mich lieber aufs Lernen.“

Mit der Verpflegung sind die beiden nicht zufrieden: „Wenn man sich Essen vom Supermarkt holt, hat man keinen Platz zum Sitzen.“

Über das Mitteltor der Hofburg gelangt man in die ehrwürdige Nationalbibliothek (kurz NB). Der Respekt, den man der Institution zollt, drückt sich auch pekuniär aus, zehn Euro kostet eine Jahreskarte, 1,50 Euro das Tagesticket. Essen und Trinken ist übrigens strengstens untersagt.

Zum Smalltalk trifft man sich im Vorraum neben Kaffee-, und Cola- Automaten. Drinnen im Lesesaal herrscht Ruhe, der Raum ist edel und sauber, die Lichtverhältnisse sind perfekt, der Ausblick auf den Burggarten ist geradezu romantisch.

Die Studierenden sind eher höhere Semester, Medizin- und Jusbücher liegen auf den Tischen. „Hier kommen die Leute zum Lernen und nicht für eine Modeschau her“, sagt Katharina Bernhardt, Biologiestudentin. Sie und ihre Kolleginnen sehen die NB als fixen Platz zum Lernen. Mit W-LAN und Steckdosen an jedem Platz ist die NB dafür gut gerüstet. Medizinstudent Wolfgang Zöch kann sich jedoch gut vorstellen, dass einige herkommen, um Leute kennen zu lernen. Auf ihn trifft das weniger zu, er ist mit einer fixen Lernclique hier: „Wenn man den Stoff zuhause lernen würde, wäre man bald sozial abgeschnitten. Wenn ich hier lerne, kann ich in den Pausen mit den Kollegen über den Stoff reden.“

Der Eifer der Mediziner spornt auch Marinela Lukic an, die deutsche Philologie studiert. Jeden Tag schleppt sie Bücher durch den Lesesaal. „Kopieren kann man hier nur mit der eigens verkauften Kopierkarte.“ Obwohl es in nächster Nähe weder Supermarkt noch Bäcker gibt, ist die Verpflegung gut: Im Keller gibt es eine Kantine.

Wenn man drinnen ist, erkennt man den Vorteil des Glaskastens WU: Die Bibliothek der Wirtschaftsuni Wien ist gut mit Tageslicht ausgeleuchtet. Der Nachteil: Zum Lüften sind die Fenster nicht gedacht, es ist heiß und stickig.

Im oberen Geschoß herrscht Ruhe, am Rande der Freihandaufstellung sitzen hunderte adrett gekleidete Studenten über Bücher und Laptops gebeugt. Im Erdgeschoss ist es lauter.

Drei Studenten mit Laptop unterm Arm erzählen, warum sie hier lernen. IBW-Student Thomas Uhlir meint: „Es spornt an, wenn man sieht, dass andere fleißig lernen. Außerdem nutze ich den freien Internetzugang.“ Kollegin Kerstin Kummer findet die elektronische Bibliothek wichtig, weil man über W-LAN Fachzeitschriften der ganzen Welt downloaden kann. Und BW-Studentin Viktoria Egger kann sich hier besser konzentrieren als zu Hause.

Praktisch ist das große Verpflegungsangebot vor Ort (Restaurants, Bäckerei, Döner, Automaten, Mensa). Der Rauchertreffpunkt im Freien lädt zum Flirten ein. Ins Séparée geht man in der WU-Bibliothek alleine. So werden die abgeschirmten Lernboxen genannt, in denen man sich hinter Scheuklappen besser konzentrieren kann.

In der Bibliothek der Technischen Universität plätschert es. Im ersten Stock hört man laut den Brunnen aus dem Eingangsbereich. Auch die Tische haben wellenförmige Abschirmungen.

Freie Plätze findet man hie und da. Besser sieht es weiter oben aus, dort herrscht auch absolute Stille bis hinauf zum sechsten Stock, wo der Ausblick in Richtung Resselpark und Kärntner Straße dazu einlädt, verträumt aus dem Fenster zu blicken – und die Bücher Bücher sein zu lassen. Die Lerntische stehen jeweils am Rande der Freihandaufstellung. Fast jeder hier hat seine Wasserflasche mit, viele haben auch ihre Taschen und Mäntel dabei. Ersteres ist sogar erlaubt.

Lästige Mediziner

Der Multikulti-Faktor ist hier eindeutig höher als in anderen Bibliotheken und es gibt mehr Männer als Frauen. Im Vorraum erzählt Richard Kogelnig, Student der Technischen Informatik: „Wenn man wegen einer Vorlesung auf der Uni ist, nutzt man die Zeit dazwischen am besten hier. Es kommen aber viele Mediziner her, die uns die Plätze wegnehmen.“ Darum sitzt Kogelnig mit seinen Kollegen bei den Kaffeeautomaten: „Die Versorgung mit Essen passt. An ungesunden Sachen ist alles da.“

Auch Nazir Alakhras studiert Technische Informatik: „Die Lernplätze sind größer, besser eingerichtet und es ist ruhiger als in der UB oder oder auf der WU. Zu Hause wird man zu leicht abgelenkt.“ Und das Beste: „Hier kann man Mädchen aus anderen Studienrichtungen kennen lernen.“

Klar ist, dass Medizinstudenten an fast allen Lernplätzen vertreten sind, wird doch für manche Prüfungen mehrere Monate intensiv gelernt. Ebenso klar ist, dass die Umgebung des womöglich zukünftigen Arbeitsplatzes gern aufgesucht wird, um die Lerntage zu verbringen.

Im Allgemeinen Krankenhaus (AKH) befindet sich die Medizinische Universitätsbibliothek. 230 Leseplätze bietet die in Orange gehaltene Lehrbuchsammlung. „Ich finde es angenehm, dass man hier alles mit rein nehmen kann“, sagt Valentina Leimer, die an der WU Wirtschaftsrecht studiert. Essen und Trinken ist erlaubt, auch Jacken und Taschen dürfen mit hinein. Dadurch herrscht allerdings ein lautes Ein und Aus und man muss bei jeder Pause auf sein Hab und Gut aufpassen.

„Ich empfehle jedem Ohrstöpsel zu verwenden“, rät Katharina Petrak, die hier ihre Diplomarbeit in Pädagogik schreibt. Sie und Leimer kommen regelmäßig in die AKH-Bibliothek, oft auch abends nach dem Arbeitstag. „Hier sind großteils Medizinstudenten und fast immer die gleichen Leute. Da lernt man sich schnell kennen“, sagt Petrak. Leimer dazu: „Die Leute kommen nicht so gestylt daher. Das fällt mir positiv auf, genauso wie die Mulitkulti-Mischung.“

Mit der Verpflegung sind die beiden Studentinnen sehr zufrieden: Von Supermarkt und Bäcker über Mensa bis zu den vielen Kaffee- und Cola-Automaten ist alles da. Wo Kopierer stehen, interessiert sie nicht. Man ist ja zum Lernen da, die Bücher bzw. den Laptop bringt man selber mit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2008)

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