Die Schönheit der Leere, revisited

Mit bedeutenden Leihgaben aus dem MAK konfrontiert Markus Brüderlin „Japan und den Westen“. Frontal und kontemplativ – und leider nicht in Wien.

Vom idyllischen Basel ins nüchterne Wolfsburg – der Wechsel hätte für Markus Brüderlin brutaler wohl nicht sein können. Nachdem er zehn Jahre lang die Ausstellungen der Fondation Beyeler prägte, leitet der in Wien noch als Bundeskunstkurator (1994–1996) bekannte Schweizer seit Anfang 2006 das Kunstmuseum der VW-Industriestadt. Seinem prägnanten programmatischen Ansatz ist er dabei treu geblieben und wird ihn hier, als sein eigener Herr, wohl sogar noch weiter präzisieren können: Das „Projekt Moderne“ beschäftigte Brüderlin lange bevor es sich die Macher der „documenta 12“ auf ihre Fahnen hefteten, was ihn durchaus auch ein wenig ärgerte.

Doch zeigte sich in Kassel die „Migration der Formen“ eher ungezähmt, sorgte eine proklamierte „Schönheit“ mehr für Provokation und diente die Frage, ob die Moderne unsere Antike sei, eher der Verwirrung, finden sich diese Themen in der Wolfsburger Museumshalle zur Zeit in überraschend sinnlicher Wucht und Eintracht zusammen: „Japan und der Westen – Die erfüllte Leere“ konfrontiert selten direkt japanisches Handwerk mit Kunst westlicher Moderne.

Wobei jedem der 22 Paare sein eigenes intimes Kabäuschen zugestanden wurde, was den Besucher dazu verführt, sich durch eine labyrinthische Siedlung weißer Würfel zu schlängeln, sowohl die Weihetempel der Moderne wie auch die schlichten Räume Japans symbolisierend. Teehaus und Bauhaus heißt auch das bestechend innige Paar, das einen begrüßt und bis zum Ende nicht mehr verlässt. Auch Adolf Loos' Zitat hallt nach, steht man später vor Malerei, Skulptur, Installation: „Moderne Architektur ist: japanische Kultur plus europäische Tradition.“

Behutsam inszenierte Brüderlin das, was ihn selbst fasziniert, die „immer wieder überraschende Verbindung“ zwischen der Ästhetik der Moderne und der japanischen Tradition. Und auch im Heute, „umgeben von dem ganzen Schrott unserer Zeit“, sieht er ein neues Bedürfnis für Leere gewachsen – was er etwa mit der Gegenüberstellung eines Rollbilds mit einzeiliger Kalligrafie aus dem 17.Jhdt. und einem Kunststoff-Schriftstab des 1955 geborenen Roni Horns andeutet.

Während die Leere im Westen oft negativ wahrgenommen wurde, kennt Japan die „kunstvolle Einfachheit“ bereits seit dem 12.Jahrhundert. Es ist der Minimalismus der Moderne, der diesen Geist manchmal frappierend unverblümt aufgreift. Es sind so geniale Ensembles wie Donald Judds sechs übereinander hängende, industriell gefertigte Alu-Boxen, in der Horizontalen von neun schwarzen Teeschalen des modernen Keramikers Tsujimura durchkreuzt, die den Blick auch für die Unterschiede schärfen, aber ihn auch immer wieder auf die Probe stellen.

Unbesteigbare Berge aus Blütenstaub

Bei Richard Tuttles archaischem Holzrad von 1964 etwa, das von Walkhämmern aus dem 19.Jhdt. flankiert wird. Selten fällt die Kombination dagegen so formalistisch aus wie bei Paul Klees „Schwarzen Zeichen“ von 1938 und dem auffälligen Goldmuster einer Teeschale aus dem 17. Jhdt. Hin und wieder aber erlaubte man es sich auch einfach nur der Schönheit zu huldigen. Wie bei Wolfgang Laibs „fünf unbesteigbaren Bergen“, wenn auf die kleinen, strahlend gelben Haselnuss-Blütenstaub-Häufchen gütig eine Nô-Maske aus dem 18.Jhdt. herunterlächelt.

Bis Ende Jänner wurde die Prachtschau jetzt verlängert. Eine Wiener Station wird wohl Desiderat bleiben – obwohl einer der Hauptleihgeber das MAK ist.

ZUR AUSSTELLUNG

„Japan und der Westen. Die erfüllte Leere“ in Wolfsburg wurde bis 27.1. verlängert. In einem Labyrinth aus weißen Kabäuschen werden 70 japanische Exponate 70 Werken der westlichen Moderne gegenübergestellt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2008)

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