Philanthropie kann man von den Eltern lernen. Doch dass die US-Bürger so freigiebig sind, das lässt sich zu einem guten Teil mit einem Steuergesetz aus dem Jahr Weltkriegsjahr 1917 begründen.
Warum geben Menschen freiwillig etwas her? Widerspricht das nicht dem Selbsterhaltungstrieb, der egoistischen Nutzenmaximierung? Das vielleicht ja, aber Wohltätigkeit nütze den Genen, sagt der US-Evolutionsbiologe Geoffrey Miller. Sie sei ein Sexualsignal, ähnlich dem Rad eines Pfauen. Sie zeige vor allem eines: dass der Geber so toll ist, dass er sich leisten kann, sein Geld für altruistische Akte zu „verschwenden“. Die alte Kellnerweisheit ist längst belegt: Am meisten Trinkgeld geben Männer in Damenbegleitung.
Miller fand bei Experimenten einen Unterschied zwischen Männern und Frauen: Wenn Männer durch einschlägige Bilder oder Texte „romantisch“ gestimmt worden sind, neigen sie in darauf folgenden Aufgaben vermehrt zu Verschwendung (teure Autos, teure Restaurants u.ä.) – und eben auch zu Freigebigkeit. Frauen animiert dagegen die Befassung mit Liebesdingen vermehrt zu karitativem Wirken. Millers Interpretation: Männer schätzen bei Frauen einen Hang zur Selbstaufopferung (der dem gemeinsamen Nachwuchs nützlich sein wird), Frauen suchen bei Männern materielle Unterstützung (fürs gemeinsame Fortpflanzungsprojekt). Wenn die Selbstaufopferung aber radikal wird, dann sind wieder die Männer führend: Hat man ihren Sinn auf die Liebe gelenkt, sind sie eher zu lebensbedrohlichen Aktionen bereit.
It's the Taxation, Stupid!
Soweit die Verhaltensforschung. Warum aber sind Menschen unterschiedlich freigiebig, je nachdem, woher sie stammen? Sechs der acht größten Wohltäter sind US-Bürger, und der drittplatzierte mexikanische Telekom-Unternehmer Carlos Slim Helú hat sein Vermögen an der Wall Street gemacht.
Die Spendierfreudigkeit der Menschen aus der Neuen Welt ist altbekannt und in einigen der ruhmreichsten Kultureinrichtungen und Universitäten der USA verewigt. Das Smithsonian Museum in Washington; das Rockefeller Center und die Carnegie Hall in New York; die Duke University in Durham: sie alle gehen auf das Engagement philanthropischer Stahlmagnaten, Ölbarone und Tabakpflanzer zurück.
Nun mag man trefflich darüber streiten, ob das mit dem sozialen Gewissen protestantischer und jüdischer Industrieller jenseits des Atlantik zu tun haben mag. Hilfreicher ist eine historische Analyse der Besteuerung von Einkommen in den USA. 1917 traten sie in den Ersten Weltkrieg ein. Um dieses Unterfangen zu finanzieren, weitete die Regierung im „War Revenue Act“ die Besteuerung aller Bürger aus. Allerdings erlaubte sie den reichsten Bürgern, einen Teil ihrer Einkünfte karitativen Zwecken zu spenden und somit die Steuerlast zu verringern. Warum tat Präsident Woodrow Wilson dies? Weil er Angst hatte, dass die neu besteuerten Reichen ihre Spenden an die Universitäten einstellen würden.
1944 wurde die Absetzbarkeit von Spenden erweitert. 74 Prozent der Steuerpflichtigen konnten fortan „steuerschonend“ wohltätig sein. Die Ökonomin Lori Stuntz von der University of Texas hat untersucht, wofür die Amerikaner spenden. Stimmt etwa das Vorurteil, die Leute würden Einrichtungen unterstützen, deren Leistungen ihnen selber zugute kommen? Finanziert sich also der reiche Kapitalist mit der steuersparenden Spende den Studienplatz seines Sohnes? Nein, lautet Stuntz' Antwort. Die reichen Amerikaner spenden überdurchschnittlich oft für Zwecke, die ihnen unmittelbar keinen Nutzen bringen – also zum Beispiel für die Armenhilfe. Je weniger reich die Spender sind, desto egoistischer sind hingegen die Ziele ihrer Spenden.
Spender erziehen Spender
Kann man seine Kinder zu Wohltätern machen? Das untersuchten die Ökonomen Richard Steinberg und Mark Wilhelm (Indiana University) in ihrer Arbeit „Giving: The Next Generation – Parental Effects on Donations“. Fazit: Kinder, deren Eltern spendabel waren, sind um 24 Prozent häufiger selber Philanthropen als Kinder knausriger Eltern.
Freilich sind auch Philanthropen nicht notwendigerweise unumschränkt gute Menschen. Der Stahlbaron Andrew Carnegie – der die Carnegie Hall und öffentliche Bibliotheken sponserte – z.B. erhöhte die Wochenarbeitszeit seiner Arbeiter auf 84 Stunden, als arme Immigranten aus Osteuropa in die USA strömten. Den Streik gegen diese Praxis bezahlten sieben Arbeiter mit ihrem Leben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2008)