Anleger flüchten jetzt massiv in „Rezessionsaktien“, Technologiewerte geraten schwer unter Druck.
Wien. Den Start ins neue Jahr haben sich die Anleger an der Wall Street wohl anders vorgestellt: Die New York Stock Exchange erlebte die schlimmste erste Handelswoche seit Jahrzehnten – zuletzt waren die Kurse in der ersten Woche des Jahres 1932 (!) stärker gefallen als heuer. Und die Technologiebörse Nasdaq war mit einem Kursrückgang um fast sechs Prozent in diesem Jahr zumindest bis gestern Nachmittag negativer Weltrekordhalter unter den Weltbörsen.
Tech-Aktien unter Druck
Dabei sagen diese Durchschnittswerte noch nicht viel über die tatsächlichen Einzelverluste aus: Die Aktienstars der Nasdaq, Papiere wie Google, Apple oder die in den vergangenen Monaten hochgejubelte Aktie des Blackberry-Herstellers Research in Motion (RIM) schafften locker Verluste von fünf, sechs oder sieben Prozent an Einzeltagen.
Schwer erwischt wurden freilich auch Börsenplätze wie Tokio und Sydney. Frankfurt und Wien konnten sich relativ gut halten, aber Pluszeichen findet man bisher vor keinem der großen Indizes.
An diese Situation werden sich Anleger zumindest im ersten Halbjahr gewöhnen müssen. Während Ökonomen noch streiten, ob den USA eine echte Rezession droht, stellen sich die Großanleger massiv auf eine solche ein.
Wichtigstes Anzeichen dafür: Seit Jahresbeginn ist an den Weltbörsen eine riesige Umschichtungsaktion im Gange. Während konjunkturanfällige Technologieaktien in großem Stil verkauft werden (was die Kurse von Apple, Google & Co zuletzt so massiv gedrückt hat), erleben so genannte defensive Werte – etwa aus den Bereichen Nahrungsmittel oder Pharma – seit einigen Tagen wahre Kurs-Höhenflüge. Aktien wie jene des Zigarettenkonzerns Altria, der Getränkeriesen Coca Cola, Pepsi und Anheuser Bush, des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé oder des deutschen Pharmaherstellers Bayer haben deutlich angezogen.
Der Hintergrund der massiven Umschichtung in solche Defensivwerte: Solche Papiere, die vielen Anlegern in Boomphasen als zu „fad“ gelten, versprechen in konjunkturell schwierigen Zeiten relativ konstante Gewinne. Geraucht und getrunken wird schließlich unabhängig von der aktuellen Konjunkturlage.
Diese Unternehmen können also auf ein halbwegs stabiles Geschäft hoffen, während den „Zyklikern“ wahrscheinlich ein blutiges Frühjahr bevorsteht: Analysten gehen davon aus, dass viele börsenotierte Unternehmen im ersten Halbjahr ihre Gewinnschätzungen zurücknehmen müssen. Weil Aktienkurse aber immer eine Wette auf künftige Kursentwicklungen darstellen, sind die Börsenkurse dann plötzlich zu hoch. Die Folge: Es wird vor allem bei zyklischen Aktien in der kommenden Berichtssaison wohl häufig zu Kurseinbrüchen kommen.
Kursniveau nicht zu halten
Die Fondsgesellschaft Schroders hat in ihrem jüngsten Investmentkommentar jedenfalls gemeint, die Gewinnschätzungen seien derzeit „für die Mehrheit der Sektoren zu hoch angesetzt“, was Aktien „wahrscheinlich unter Druck setzen“ werde. Besonders gefährdet sei der Immobiliensektor, weil die US-Immobilienpreise 2008 noch einmal deutlich abrutschen dürften. Stark gefährdet sind auch die US-Banken: Sie dürften wegen der Subprime-Krise im Schnitt Ergebniseinbrüche um 62 Prozent erleiden. Was, so Analysten, die Kurse auf „Einstiegsniveau“ drücken könnte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2008)