Testosteron hat seinen guten Ruf verloren: Die westliche Kultur hat das männliche Geschlecht als das schwache entdeckt.
Dass die „Kronen Zeitung“ ein Titelblatt des deutschen „Spiegel“ groß auf ihrem Titelblatt faksimiliert, ist ein seltenes Ereignis – und spricht für den Appeal des Themas: „Junge Männer: Die gefährlichste Spezies der Welt“, schreit die Schlagzeile. Es geht um gewalttätige Emigranten. Ein Satz aus dem Artikel: „Der Gedanke drängt sich auf, dass der Wille zur eskalierenden Aggression etwas mit der Biologie des Mannes zu tun hat.“
Und dann kommt es auch schon, das Testosteron, das Hormon, das, kurz gesagt, dafür zuständig ist, dass von den Aktivitäten, die die Rolling Stones im Song „Rocks Off“ als „fight and fuck and feed“ zusammenfassten, die ersten beiden bevorzugt behandelt werden. Und das auch an der tristen Prognose schuld ist, die im Lied folgt: „Heading for the overload, splattered on the dusty road.“
Testosteron verkürzt das Leben. Es bewirkt, dass in allen Kontinenten, allen Kulturen Männer eine deutlich geringere Lebenserwartung haben als Frauen. (Ausnahmen finden sich in strikt islamischen Ländern wie Pakistan, wo die medizinische Versorgung für Frauen viel schlechter ist.) Männer sterben häufiger durch Autounfälle, Mord, Selbstmord: Testosteron erhöht die Aggressivität. Vor allem aber sterben Männer häufiger durch Infektionskrankheiten: Testosteron dämpft das Immunsystem.
Wer ist „bedenklich anfällig?“
In „Das andere Geschlecht“ hieß es: „Der Konflikt zwischen Art und Individuum, der bei der Niederkunft manchmal zum Drama wird, gibt dem weiblichen Körper eine bedenkliche Anfälligkeit.“ Für Simone de Beauvoir war das weibliche Geschlecht noch das anfällige, schwache, von der Natur geplagte. Evolutionsbiologie und Genetik haben dieses Image verkehrt: Die westliche Kultur hat das männliche als das schwache Geschlecht entdeckt. Das steht dem Bild vom Mann als Täter nicht entgegen, es ergänzt es nur: der Mann als Triebtäter, junge Männer als gefährliche Spezies – und als gefährdete. Im nüchternen Soziolekt der Genetik fasste der US-Genetiker Greg Carey diese deterministische Sicht: Der „stärkste genetische Marker für Gewalttätigkeit“ sei „noch immer die Anwesenheit eines Y-Chromosoms“.
Die elektronenmikroskopische Aufnahme vom Y- neben dem X-Chromosom ist ein gutes Postermotiv für diesen Imagewandel. Das im Lauf seiner Evolution schrumpfende Y steht auch im Focus einer Reihe populärwissenschaftlicher Bücher, die den Untergang der Männlichkeit erklären: „Keine Zukunft für Adam“ heißt es bei Bryan Sykes, „Auslaufmodell Mann“ bei Lionel Tiger, „Der Mann – Ein Irrtum der Natur?“ bei Steve Jones. Wenigstens noch mit Fragezeichen.
Gemeinsam ist diesen Büchern, wie treuherzig sie biologische Befunde und soziale Hoffnungen vermischen. So diagnostizierte Genetiker Steve Jones, dass Aggressivität und Macho-Gehabe im „modernen“ Management obsolet würden. Beobachter des Wirtschaftslebens werden das wohl als frommen Wunsch sehen. Auch ihnen spendete Jones seinen generellen Trost: „Solche Krisen der Männlichkeit hat es auch früher schon gegeben, und sie wurden überwunden.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2008)