„Orlanding the Dominant“: Virginia Woolfs Roman als Basis für eine Revue mit viel Reizwäsche. Peinlich? Nicht so schlimm.
Aus Virginia Woolfs wundervollem, Personen und Zeit überschreitendem Hyperroman „Orlando“ eine „queere Burleske“ zu machen, das ist vergleichbar mit dem Vorhaben, aus den „Buddenbrooks“ die „liebe Familie“ oder aus dem „Hamlet“ ein Pradler Ritterspiel zu gestalten. Also irgendwie na ja.
Aber man darf sich nicht beklagen: Genau das verspricht das Theater Brut, und das hält es. Man könnte das – wie das Programmheft – mit einschlägigen Begriffen aus Trenddiskursen („genderfuck“, „queer“ u.Ä.) sagen, es geht aber auch einfach: In dieser Song- und Tanzrevue sieht man eine Menge ausgesprochen unpraktisch geschnittener, aber laut „Ich diene der Enthemmung!“ rufender Kleidungsstücke, wie sie den durchschnittlichen Spießbürger (wie den Rezensenten) im besten Fall an die „Rocky Horror Show“ erinnern. Also inklusive Geschlechterverwirrung mit Augenzwinkern und ironischer Überhöhung. Boys will be girls and girls will be boys, alle tragen löchrige Strümpfe und werfen ihre Beine.
Klingt ziemlich peinlich, ist aber nicht so schlimm. Vor allem, weil doch die Jahrhunderte übergreifende Geschichte des/der Orlando durchschimmert, der/die ja kein neckischer Show-Transvestit ist, sondern ein Gefäß für „eine große Vielzahl von Ichs“. Der Choral aus Orlandos Schlüsselsatz „Ich bin fertig mit den Menschen“ ist klar und rührend, ein träumerisches Tableau aus grünen Schleiern illustriert schön die Ambivalenz „Grün in der Natur/Literatur“. Die finale Moral – hey, Frau, komm, Mann, vergesst doch die Gender-Grenzen, tun wir einfach, was uns gefällt! – kommt ein bisschen gar zu „We-are-the-world“-mäßig, ein ganz netter Parodieblock (von Elke Krystufek bis Yoko Ono) entschärft das wieder.
Brüste mit Quasteln
Dazu kommt, dass auch die überdrehtesten Show-Passagen durch den Amateurstatus der Darstellerinnen erträglich bis unterhaltsam werden: Sie haben einfach eine Hetz dabei, u.a. die vertrotteltsten Klischees des Animiergewerbes (bis hin zum Tanz mit Quasteln auf den Brüsten) im doppelten Sinn vorzuführen. Vor allem Sabine Marte ist, ganz ohne Ironie, ein echtes Showtalent, man muss ihr zudem dankbar sein, dass sie darauf verzichtet, ein Nina-Hagen-Look-alike-Cabaret zu verkörpern, sie wäre dazu in der Lage. Und wenn Eva Jantschitsch alias Gustav singt und spielt, egal was, es könnte auch der siebte Zwerg sein, wirkt das immer hintergründig. Mitten in diesem Karneval. Weiß nicht, wie sie das macht.
„Theater Brut“ im Konzerthaus, 10.–11.1., 15.–19.1., 21 Uhr, www.brut-wien.at.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2008)