Die digitale Datenverarbeitung fördert tendenziell die Treue, ähnlich wie die Mobiltelefonie.
Wenn einst, in der Papierzeit, ein Untreuer der, mit der er untreu war, ein sog. „billet doux“ schickte (mit Angabe von Zeit und Ort und zwei, drei lyrischen Zeilen, z.B. aus Velvet Undergrounds „Pale Blue Eyes“), dann konnte er gewiss sein, dass sie das Geschriebene viermal las, denn vier ist die Zahl des Allzumenschlichen, sodann das Papier an allen vier Ecken anzündete und die Asche in alle vier Winde streute. Niemand wird sie auflesen, niemand wird sie je wieder lesen.
Heute, in der Siliziumzeit, tilgt die Untreue das E-Mail dessen, der mit ihr untreu ist, mit allen Vernichtungsbefehlen, die ihr bzw. dem Betriebssystem, auf dem sie kommuniziert, geläufig sind, antwortet auf die Frage „Sind Sie sicher, dass Sie die markierten Elemente endgültig löschen wollen?“ mit einem hastig eingegebenen „Ja“. Und doch, es bleibt Zagen, denn, wer weiß?, vielleicht hat der, dem sie untreu ist, mit der über das Betriebssystem, auf dem sie kommuniziert, wachenden EDV-Leiterin ein (konspiratives) Verhältnis und kann die Nullen und Einser, aus denen das elektronische „billet doux“ besteht, wieder zusammenklauben.
Solche Ängste hat die digitale Datenverarbeitung den irregulär Liebenden gebracht, man kann geradezu sagen, dass sie tendenziell die Treue fördert, ähnlich wie die Mobiltelefonie.
Anlass für diese kleine zivilisationskritische Grübelei war natürlich nicht eigene Untreue, bewahre, sondern der Anblick eines Lastwagens der Firma „Reißwolf International AG“, über deren Dienste die Homepage www.reisswolf.at informiert. Sie perfektioniert auch die physische Vernichtung digitaler Informationsträger und hat wohl Erfahrung im rückstandsfreien Verbrennen von Festplatten.
Die in Schulromanen alter Schule gern geschilderte Methode der Informationsvernichtung – sofortiges Aufessen des entdeckten Schwindelzettels – wäre ja in der digitalen Welt dann doch eher unbekömmlich.
Dafür kennt die Physik seit 1967 ein (freilich auch etwas unhandliches) Traumwerkzeug für Informationsvernichtungsparanoiker, sozusagen den ultimativen Reißwolf: das Schwarze Loch. Laut Stephen Hawking speit auch dieses die verschlungene Information irgendwann wieder aus, aber uns kann man ja alles erzählen.
Zum Beispiel dieses. (Es folgt ein Auszug aus einem „Spiegel“-Interview mit dem Physiknobelpreisträger Robert Laughlin.)
Laughlin: „Ich habe die Vermutung aufgestellt, dass es sich bei Schwarzen Löchern in Wirklichkeit um einen Phasenübergang der Raumzeit handelt.“
Spiegel: „Eine kühne These. Und wie weit ist die entfernt von einem experimentellen Test?“
Laughlin: „Sehr weit.“
Spiegel: „Was ist denn dann der Wert einer solchen Spekulation?“
Laughlin: „Gar keiner. Ich wollte provozieren.“
Das gefällt mir gut. Und das kann ich mir gut vorstellen. Man zerrt die Raumzeit – unter lautem Wehklagen aller Superstring-Theoretiker – in alle vier Dimensionen zugleich, bis sie aufgibt, entnervt die Phase wechselt und dabei alle Geheimnisse, die sie je ausplaudern könnte, in lautere Entropie verwandelt. Dazu ertönt das kosmische Näseln Lou Reeds: „Skip a life completely. stuff it in a cup.“ Es bleibt nichts als der himmlische Refrain:
„Linger on, you pale blue eyes.“
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2008)