Wiener Abgründe

Die Presse (Fabry)
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Fred Mortons intelligente Groteske „Der Kommandant“ – die szenische Lesung zeigt Potenzial.

In Weimar war es zu klassischen Zeiten bei Hofe üblich, noch in Arbeit befindliche Dramen im kleinen Kreis szenisch zu lesen, als eine Art Test für das große Theater. Diese schöne Tradition hat auch das Wiener Volkstheater aufgenommen: Am Dienstag lasen Direktor Michael Schottenberg und vier seiner Schauspieler Frederic Mortons Stück „Der Kommandant“.

Unheimlicher hätte der Ort nicht gewählt sein können; die Aufführung, von Susanne Abbrederis eingerichtet, fand im Empfangsraum statt, dem ehemaligen „Führerzimmer“, das in der Nazizeit für einen eventuellen Besuch Adolf Hitlers bereitgehalten worden war. Er war nie dort, in dem braun getäfelten Zimmer, das heute seltsamerweise unter Denkmalschutz steht. Beklemmung kann man an diesem Ort dennoch verspüren, der zur Groteske des Autors passt.

Die letzten Tage der Naziherrschaft

So frisch ist Mortons Zweiakter, dass bisher erst eine Rohfassung der deutschen Übersetzung zur Verfügung steht. Das Drama scheint vielversprechend; darin hat Morton (Fritz Mandelbaum), der 1939 mit fünfzehn Jahren aus Wien vor den Nazis in die USA floh, die letzten Tage des Dritten Reiches in der damaligen Ostmark verarbeitet.

Als die Rote Armee anrückt, will ein SS-Oberst (Günther Wiederschwinger) mit seiner scheinbar schwangeren Gattin Helga (Katharina Vötter) in Verkleidung fliehen. Dazu braucht er den jüdischen Gefangenen Victor Gruner (Schottenberg), der vor dem Anschluss ein berühmter Schauspieler war und nun zum Putztrupp gehört. Er sieht dem Oberst ähnlich und soll also für ein paar Stunden den Kommandanten spielen, damit die Flucht länger unentdeckt bleibt.

Die perfiden Überredungsversuche der Nazis führen zu Rückblenden Gruners, der dem Kabarettisten Fritz Grünbaum nachempfunden ist. „Ich kann mich noch immer nicht an die Liebe erinnern“, ist sein entscheidender Satz der Verweigerung. Das Opfer holt Verdrängtes zurück. Gruner erkennt, dass er 1938 durch egoistisches Hinauszögern der Flucht nicht nur sein Leben, sondern auch das seines Sohnes gefährdete.

Unglaublich, aber glaubwürdig vorexerziert: Das Opfer empfindet Schuld für ein Nichthandeln mit verheerenden Folgen, während der Täter, der die Verheerung angerichtet hat, keinerlei Reue zeigt und zugleich an die Menschlichkeit appelliert. „Wir haben viel gemeinsam,“ sagt der Kommandant, der die Bibel auf Hebräisch liest, um „das Geheimnis der Juden“ zu ergründen. Die Schicksale der beiden Familien sind überraschend miteinander verwoben, abenteuerlich ist dadurch auch der konsequente Schluss. Davor aber zeichnet Morton ein differenziertes, oft berührendes Bild dieser Zeit. Es gibt Schattierungen, aber auch das fürchterlichste Grau, das man sich vorstellen kann – die totale Vernichtung. „Die Asche legt sich auf alles“, sagt Gruner in der ersten Szene. „Weinen ist reinigend“, sagt Gruner. Aus dieser doppelten Perspektive erschließt sich Mortons Stück.

Am 13.1., 19.30Uhr, Empfangsraum des Volkstheaters. Frederic Morton liest dort am 12. Jänner, 19.30h, aus seiner Autobiografie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2008)

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