Manchmal leide ich unter einer seltsamen nationalen Schizophrenie. „Der Tod der österreichischen Kultur“ lese ich dann zum Beispiel als fette Schlagzeile im US-Magazin „Time“.
Obwohl ich ganz genau weiß – und mich die offizielle Reaktion (!) einer französischen Kulturbehörde auch noch sicher macht, dass dort eigentlich zu lesen war: „Der Tod der französischen Kultur“.
Aber das ärgert mich. Hallo, liebe amerikanische Brüder und Schwestern! Sind wir denn keinen bösen, altmodischen Abgesang wert? Ist unsere berühmte österreichische Kulturnation schon so still und stumm und urlange verblichen, dass sie nicht einmal einen Nachruf verdient? Merken wir Kadaver nicht einmal mehr, wie wir langsam ausgeweidet werden? Wenn etwa, wie kürzlich in der „Zeit“, als Beweis des deutschen Humors in der Literatur stolz ein gewisser Ernst Jandl hochgehalten wird? Oder soll das ein Witz gewesen sein? Wird etwa bald auch Klimts Kuss in der Neuen Galerie in New York hängen? Und niemandem ist es aufgefallen?
Gut, „Time“ hat mich jetzt zwar gar nicht gefragt, und ich bin auch keine erzürnte österreichische Kulturbehörde, die für ihre Künstler per Veröffentlichung einer Liste von 300 weltberühmten Künstlern des Landes zum brachialen Gegenangriff ausholt – wer täte denn so etwas eigentlich hier überhaupt? –, aber ich antworte trotzdem: Denn wir haben eine Geheimwaffe. Wir haben Erwin Wurm, der, wie gerade im „profil“ exklusiv bekannt wurde, von Paris aus die Kunstwelt jetzt noch einmal erobern darf. Und zwar durch eine „abgehobene Traumwelt mit Skulpturen und Videos“ für alle Filialen der Luxusmarke Hermès. Ha! Abgehoben! Mehr brauchen wir auch gar nicht.
almuth.spiegler@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2008)