Amerika rutscht wahrscheinlich in die Rezession, Japan vielleicht: Den Stillstand in den beiden größten Volkswirtschaften des Globus wird die ganze Welt zu spüren bekommen.
Wien. Vor einigen Tagen hat die Weltbank mit einer relativ rosigen Konjunkturprognose („weiche Landung“ der US-Wirtschaft, relativ gutes Wachstum im Rest der Welt) noch Optimismus verbreitet, aber jetzt ist offenbar alles anders: In den vergangenen Tagen sind die Stimmen, die zumindest die USA in eine Rezession stürzen sehen, lauter geworden.
Geschürt wird dies durch zahlreiche Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft: Der Chef der amerikanischen Telefongesellschaft AT&T schockte die Anleger diese Woche mit der Mitteilung, dass das Privatkundengeschäft stark zurückgehe und immer mehr Telefonkunden mangels Zahlungsfähigkeit vom Netz „abgeklemmt“ werden müssten. Der Privatkonsum gilt in den USA als wichtigster Motor für das Wirtschaftswachstum.
„Die Leute machen sich Sorgen“
In dieselbe Kerbe schlug Ford-Chef Alan Mulally, der über einen scharfen Absatzrückgang bei seinen Autos klagte, weil sich „die Leute um die Wirtschaft sorgen machen“. Der Aktienkurs des chinesischen Computerherstellers Lenovo brach wegen befürchteter Absatzeinbußen in den USA dramatisch ein. Mit anderen Worten: Die Börse steckt bereits mitten in einem Rezessionsszenario, weltweit sind die Kurse seit Jahresbeginn auf steiler Talfahrt.
Wegen der anhaltenden Krise auf dem US-Immobilienmarkt, die zu einer dramatischen Kreditverknappung geführt hat, wechseln auch bisher positiv gestimmte Ökonomen auf die Pessimistenseite: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Vereinigten Staaten in eine Rezession fallen, wird unterdessen auf mehr als 50 Prozent eingeschätzt. Zumal die Kreditklemme bereits die nächste Krise heraufbeschwört: Amerikaner weichen den knappen Krediten zunehmend durch höhere Belastungen ihrer Kreditkarten aus, was bereits zu einem 30prozentigen Anstieg der Zahlungsausfälle in diesem Bereich geführt hat.
Die Weltwirtschaft würde eine vorübergehende US-Rezession relativ leicht aushalten, weil sie, wie Wifo-Chef Karl Aiginger kürzlich sagte, unterdessen von „vier oder fünf Lokomotiven“ getrieben wird. Jetzt droht freilich auch der zweitwichtigsten Lokomotive ein Maschinenschaden: Goldman Sachs schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass auch Japan in eine Rezession fällt, unterdessen auf 50 Prozent.
Auch Japan fällt zurück
Ein Schrumpfen der beiden größten Volkswirtschaften des Globus würde allerdings tiefere Spuren in der Weltwirtschaft hinterlassen: Es droht ein Dominoeffekt, der das prognostizierte Weltwirtschaftswachstum heuer auf 1,6 Prozent halbieren könnte, heißt es in der jüngsten Prognose der UNO. Das würde bedeuten, dass ein Großteil der Weltwirtschaft zumindest vorübergehend an der Rezessionsschwelle kratzt.
Stark getroffen würde auf jeden Fall China: Die verlängerte Werkbank der Industriestaaten wächst heuer mit mehr als elf Prozent. Fallen die wichtigsten Abnehmer USA und Japan teilweise aus, dann wird sich das chinesische Wachstum wohl auf neun Prozent oder weniger einbremsen.
Inflation bleibt hoch
Im Dilemma sind auf jeden Fall die Notenbanken: Normalerweise steuert man einer Rezession mit deftigen Zinssenkungen entgegen (was die US-Notenbank Fed auch tun wird). Das ist aber jetzt problematisch, weil die preissenkende Wirkung einer Rezession erstmals in der Wirtschaftsgeschichte nicht wirkt: Die starke Zusatznachfrage aus China und Indien kompensiert beispielsweise die ölpreisdämpfenden Effekte eines rezessionsbedingten Minderverbrauchs in den USA und Japan. Die solcherart „globalisierte“ Inflation bleibt also hoch – und wird durch niedrige Zinsen zusätzlich angeheizt. Womit das nächste Problem nach dem Ende der Flaute schon vorprogrammiert ist.
AUF EINEN BLICK
Nicht nur die Lage, auch die Stimmung ist schlecht: Auf dem Wettportal Intrade, das auf der Basis eines fiktiven Aktienmarktes funktioniert und Polit- und Wirtschaftswetten annimmt, ist der „Kurs“ für eine Rezession 2008 (siehe Grafik) zuletzt stark gestiegen. 60 Prozent erwarten bereits eine Rezession – und setzen für diese Ansicht Geld ein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2008)