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Gusenbauers Mann in der Bundesbahn

ÖBB-Chef Huber: Der ÖVPler soll auf Gusenbauers Abschussliste ganz oben stehen.
Die Presse (Michaela Bruckberger)
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ÖBB. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer reicht's. In den ÖBB gibt es für seinen Geschmack zu viele schwarze Manager. Gut, dass sein Vertrauter Leopold Specht dort neuerdings Aufsichtsrat ist. Mit dem Auftrag, aufzuräumen.

Der Karrieresprung wurde mit Jahresbeginn vollzogen: Günther Riessland und Friedrich Macher sind per 1. Jänner Vorstände des ÖBB Güterverkehrs. Eigentlich ein in der Wirtschaft ganz normaler Vorgang: Posten werden frei, Posten werden nachbesetzt.

Ganz normal ist aber auch, dass solche Rochaden in Staatsbetrieben mit entsprechender politischer Begleitmusik erfolgen. Und die war im Falle Macher & Riesslands besonders schrill.

Das liegt daran, dass beide Herren der schwarzen Reichshälfte zugeordnet werden.

Und es liegt daran, dass Bundeskanzler Alfred Gusenbauer mit seiner Toleranz am Ende ist.

Seitdem die zwei neuen Vorstände am 11. Dezember vom ÖBB-Aufsichtsrat bestellt wurden, ist jedenfalls Schluss mit lustig. Denn so hatte sich der SPÖ-Bundeskanzler die Sache nicht vorgestellt: Das Verkehrsministerium ist mit Werner Faymann nach langen Jahren endlich wieder rot geworden. Mit dem früheren Porr-Chef Horst Pöchhacker präsidiert ein Roter auch den ÖBB-Aufsichtsrat. Und dann das. „Die verschenken die ÖBB an die Schwarzen“, tobt ein Genosse. Und bringt die Gefühlslage des Bundeskanzlers wohl ziemlich gut auf den Punkt.

Gusenbauer hat Pöchhacker nach der schicksalshaften Aufsichtsratssitzung jedenfalls erbost zu sich zitiert. Was allerdings außer einer Kopfwäsche nichts brachte.

Viel effektvoller war da eine andere Sache: Unmittelbar nach der besagten Aufsichtsratssitzung schockierten plötzlich Medienberichte über misslungene Finanzspekulationen der ÖBB die Öffentlichkeit. Kein uninteressantes Timing: Denn über die Finanzgeschäfte war der Aufsichtsrat bereits am 14. September informiert worden. Ohne medialer Begleitmusik.

Zufall? Daran glaubt in den ÖBB keiner. Vor allem, weil seit einigen Monaten ein enger Vertrauter Gusenbauers im ÖBB-Aufsichtsrat sitzt. Vorhang auf für Leopold Specht.

Als der 52-jährige Rechtsanwalt im vergangenen Jahr dem Aufsichtsrat als neues Mitglied präsentiert wurde, waren dort alle einigermaßen überrascht. „Wir haben ihn alle nicht gekannt“, erzählt einer, „und haben uns schon ein bisserl gewundert.“ Mittlerweile glauben sie sich auszukennen: „Leopold Specht hat den Auftrag, den ÖBB-Vorstand zu demontieren.“ Speziell die Schwarzen, versteht sich.

Auffällig sei, dass Specht in den Sitzungen Berichte von SPÖ-nahen Vorständen, wie Gustav Poschalko, schweigend zur Kenntnis nehme. Sei aber ein Vorstand, der den Schwarzen zugerechnet wird, am Wort, werde der von Specht einem regelrechten Kreuzverhör unterzogen. „Specht verbreitet ganz schön negative Energie im Aufsichtsrat“, jammert einer der Mandatare.

Das ist natürlich ziemlich unangenehm. Vor allem für ÖBB-Chef Martin Huber. Der bekennende ÖVPler soll auf der Abschussliste Gusenbauers ganz oben stehen. Frei nach dem Motto: „Specht, übernehmen Sie.“

Doch wer ist dieser geheimnisvolle Leopold Specht? Jedenfalls keiner, der gerne in der Zeitung steht. Ein Gespräch mit der „Presse“ lehnt er höflich, aber entschieden ab. „Ich möchte nichts zu so einem Bericht beitragen“, sagt er kühl.

Die wenigen, die ihn kennen, beschreiben ihn jedenfalls als Top-Wirtschaftsanwalt, mit einem Hang zum Intellektuellen. Specht ist unter anderem Absolvent der Harvard Law School, wo er später auch Vorlesungen hielt. Dort lernte ihn Rewe-Vorstand Werner Wutscher kennen, der Specht als „extrem offene, international ausgerichtete Persönlichkeit“ schätzt. International ist Leopold Specht tatsächlich exzellent vernetzt: Seine Kanzlei hat Niederlassungen in Moskau, Belgrad, Budapest und Prag, Specht spricht fließend französisch, italienisch und russisch. Einen besonders guten Draht soll er zum russischen Präsidenten Wladimir Putin sowie zu Israels Regierungschef Ehud Olmert haben.

Und eben zu Alfred Gusenbauer. Das innige Verhältnis zum Bundeskanzler entstand schon vor Jahren, und das Faktum, dass Specht seinerzeit eine Kanzlei mit SPÖ-Justizsprecher Hannes Jarolim teilte, wird da wohl etwas nachgeholfen haben. Jedenfalls soll Specht damals sehr beharrlich den Kontakt zu Gusenbauer gesucht haben und diesen regelmäßig mit Ideen und Anregungen konfrontiert haben.

Gusenbauer soll schließlich Gefallen an dem Anwalt gefunden haben. „Die Chemie zwischen den beiden stimmt einfach“, analysiert ein Parteigenosse, „beide sind nicht unbedingt Frohnaturen und können stundenlang echte oder vermeintliche Probleme erörtern.“

Im Jahre 2003 schließlich trat Specht erstmals offiziell als Gusenbauer-Intimus in Erscheinung: Er wurde vom SPÖ-Chef in den Österreich-Konvent entsandt, in dem über eine Staats- und Verfassungsreform beraten wurde. Politische Beobachter fanden das damals schon „sehr ungewöhnlich“: Üblicherweise ließen sich Politiker dort von politischen Institutionen vertreten. Specht galt dort dennoch als absolute Bereicherung: „Er hat sich sehr pointiert zu Wort gemeldet“, erzählt ein Teilnehmer.

Ja, auf Specht kann sich Gusenbauer halt verlassen. Und so verwundert es nicht, dass der beherzte ÖBB-Aufsichtsrat mittlerweile nicht nur von ÖVP-Mann Martin Huber, sondern auch von politisch Gleichgesinnten wie Faymann und Pöchhacker höchst misstrauisch beäugt wird. Zumal Specht seinen Auftrag überaus ernst nehmen dürfte: Im Aufsichtsrat wurde bereits eher pikiert zur Kenntnis genommen, dass Specht im vergangenen Jahr gemeinsam mit ÖBB-Vorstand Poschalko einen Termin wahrgenommen hat, in dem es um die Errichtung einer Breitspurbahn von Russland nach Österreich gegangen ist. Zitat aus dem Aufsichtsrats-Protokoll: „Sevelda (RZB-Vorstand und ÖBB-Aufsichtsrat Karl Sevelda, Anm.) wirft die Frage auf, ob derartige Gespräche zur Tätigkeit eines Aufsichtsratsmitgliedes gehören.“

Leopold Specht nimmt es halt mit seinen Aufträgen sehr genau. Keine halben Sachen.

In der SPÖ wird übrigens schon fieberhaft nach einem (politisch) geeigneten Nachfolger für Martin Huber gesucht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2008)