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In welcher Sprache träumen Sie?

Alfredo Bauer, Ruth Klüger, Felix Pollak, Stella Rotenberg und mehr als 270 weitere Exilanten sind in der Lyrik-anthologie der Emigration und des Widerstands enthalten. Ein einzigartiges Dokument.

Lyrik hat ohnehin einen schweren Stand. Exilierte Autoren müssen dazu neben dem Verlust der Heimat auch in einer neuen Sprache Fuß fassen. Wie schwer ist es dann erst für Exillyrik, zur Kenntnis genommen, gelesen und anerkannt zu werden. Versuche, die Voraussetzungen für eine umfassende Rezeption zu schaffen, sind selten, und die letzte und bisher einzige Lyrikanthologie des österreichischen Exils datiert aus dem Jahr 1955 und wurde von Rudolf Felmayer initiiert. Die Theodor Kramer Gesellschaft hat nun, herausgegeben von Miguel Herz-Kestranek, Konstantin Kaiser und Daniela Strigl, die Anthologie „In welcher Sprache träumen Sie?“ vorgelegt. In diesem Buch bekommen 278 Lyrikerinnen und Lyriker mit mehr als 500 Werkproben eine Heimat. Eine große Herausforderung der Sichtung, die angesichts der geografischen Situation einem Detektivspiel gleicht. Ein Unterfangen, das mit dem Wissen der Unvollständigkeit leben und sich bewusst sein muss, manche Rätsel nie mehr lösen und manche Pseudonyme nicht entschlüsseln zu können. Eine Herausforderung – auch für die Leserschaft.

Lyrik ist zuweilen ein Brennglas, das die Realität auf kleinstem Raum und in wenigen Zeilen bündelt. Jedes Gedicht ein Leben, von jeder Zeile können Interpretationsfäden aufgegriffen werden, um ihnen ins Leben, in die Geschichte assoziierend zu folgen. Bei so viel Leben droht sich beim Lesen ein Schwindelgefühl als Nebenwirkung einzustellen. Bei Medikamenten werden im Beipackzettel Vorschriften über die Dosierung gemacht, für Bücher ist dies nicht üblich. Notwendig wäre dies allemal. Wie liest man eine Anthologie richtig?

Im Gegensatz zu einem Roman ist der Anfang kein Beginn und die Ordnung nicht dem Bogen der Konzeption geschuldet, sondern dem Alphabet: Hugo Abel ist der Erste und er kehrt in seinem Gedicht „In der Heimat“ zurück und versucht, die Fremdheit auf den Punkt zu bringen („Im Schlafe schrien wir oft in das Dunkel / Das war unsere ganze Gemeinsamkeit“). Frank Zwillinger beendet das Unterfangen mit einer „Stanze der Überlebenden“ („Wir haben alles (außer uns) verloren, / selbst unsere Wiederkunft und den Empfang“). Selbst das Alphabet kann also eine Programmatik garantieren. Lesen vom Anfang bis zum Ende. Heimkehr und Fremde. Normalerweise sind die Lesenden Wanderern vergleichbar. Zielgerichtet peilen sie die Etappe (Gipfel oder eine Hütte) an. Im Gegensatz dazu steht das Schlendern, großstädtisches Flanieren, dessen Motivation nicht das Ziel, sondern der Weg ist. Es gibt auch ein Flanieren in Büchern, das sich bei diesem Band empfiehlt, indem man sich etwa an den Namen orientiert. Geprägt durch unsere Gesellschaft, wo das nur Ergebnis zählt, müssen Flanierer immer mit dem schlechten Gewissen kämpfen, etwas übersehen zu haben.

Da hier in diesem Band zu jeder Autorin, jedem Autor eine Kurzbiografie zu finden ist, kann das Schmökern in diesen meist nicht mehr als zehn Zeilen auch ein Springen von einem gebündelten Leben zum anderen sein. Eine aufregende Expedition in die
Weite des Exils, in Länder, zu Bekanntschaften, politischen Bezügen und in Sackgassen. Lässt sich von der Biografie auf den Stil rückschließen? Schreiben Exilanten in den USA anders als jene in Israel? Kündigt sich in Gedichten ein Selbstmord an? Zeigen sich Unterschiede je nachdem, ob vom Exil die Rückkehr nach Österreich oder Deutschland wieder angetreten wurde? Fragen können zu Orientierungspunkten werden und dem Lesen eine neue Richtung geben.

Die Herausgeber stecken den Rahmen ab und geben Hilfen für die Interpretation. Ein klein wenig Statistik könnte dabei helfen. Strukturiert man die Biografien grob, ergibt sich die Tatsache, dass für etwas weniger als der Hälfte der in diesem Band enthaltenen Autorinnen und Autoren das Exil zur neuen Heimat geworden ist, fast 30 Prozent sind aus dem Exil nach Österreich oder Deutschland zurückgekehrt, rund 15 Prozent waren in einem Konzentrationslager beziehungsweise wurden ermordet. Ins Exil in die USA sind so viele gegangen wie in alle übrigen Länder zusammen, seien dies nun England, Israel und Lateinamerika.

So vielfältig die Länder des Exils und die Wege dorthin, so verschieden die Stile. Tradition herrscht vor, so als würde die Ordnung von gebundener Rede und Reim als Rettung in einer Welt des Chaos und der Unmenschlichkeit erscheinen. So finden sich nicht wenige Beispiele im Stile Theodor Kramers, wo der Reim für den Alltag keineswegs banal erscheint, wie jene Zeilen von Richard Beer-Hoffmann „Worte – vielleicht eines Lebens Gewinn! / Was ich gewonnen gräbt mit mir man ein, / Keiner kann keinem ein Erbe hier sein.“

Eine Gemeinsamkeit dieses Ringens um Heimat in der Fremde ist unter anderem das Bemühen, die Differenz zwischen Verlorenem und Gewonnenem zu definieren. So in den Schlusszeilen von Friedrich Berghammer „Der junge Mann im Café Hawelka“, wo ein junger Mann den Autor fragt, ob bei der Auswanderung Amerika so viel gewonnen wie Österreich verloren habe. „Ich schwieg einen Augenblick: Betroffen / antwortete ich sibyllinisch / Österreich hat auf jeden Fall / mehr an den Auswanderern verloren / als die USA gewinnen konnte / Er verstand ohne weitere Erklärung.“

Differenzen sind unter anderem Wehmut, Heimweh, Trauer und Ängste. „Da erklingt ein gläsern leises Klirren, / hell und zart, wie Botschaft und Gewähr,/ Es war der Milchmann. LaSS dich nicht verwirren. / Jene Hand reicht nicht bis übers Meer“ (Franzi Ascher-Nash). Die Lesearbeit an dieser Sammlung erzwingt jedoch auch Fragen wie jene, ob in Sonetten Tote an den Galgen hängen können, ob angesichts des Todes und des Verlustes literarische Maßstäbe außer Kraft treten. Wenn zum Beispiel Alexander Sacher-Masoch die Demütigung eines Juden so beschreibt: „Und sie gossen Säure, scharf, wie Gift, / über alte, dürre Greisenhände“. Wenn an anderer Stelle die Welt auf das Nichts zurast, wenn „Vom Faschisten schlagen“ die Rede ist, von todesschwangeren Wolken, erfasster Ganzheit geschrieben wird.

Nicht zuletzt ist der Optimismus der Verzweifelten, etwa jener des Roman Karl Scholz in der Todeszelle, nur schwer zu ertragen. (Ungeklärt bleibt die Frage, ob Lyrik von Widerstandskämpfern, die zum Tod verurteilt wurden, auch unter Exillyrik firmieren kann). Der industrielle Massenmord hat die Grenzen des Sagbaren neu gezogen. In diesem Sinne ist diese Anthologie ein Anfang und ein großes Stück Work in progress. ■


Der Band wird am 18. Jänner um 16 Uhr
im Lokal VI des Parlaments präsentiert. Anmeldungen sind nach Angaben des Büros von Parlamentspräsidentin Barbara Prammer leider nicht mehr möglich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2008)