Kritik Theater: Shakespeare und der Sex

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Burgtheater Kasino: Der Berliner Jürgen Kuttner sinniert in seinem „Videoschnipselvortrag“ wie nur die Allerbesten in Wien.

Radio-Moderatoren mit philosophischem Sendungsbewusstsein sind rar. Jürgen Kuttner aber, Szene-Star aus Ostberlin, besitzt die Gabe öffentlichen Räsonierens im Übermaß. Deshalb stellte er am Freitag gleich zu Beginn seiner Show „Shakespeare und Kuttner sehen fern“ im Kasino am Schwarzenbergplatz klar, er brauche ein anspruchsvolles Publikum. Zweieinhalb bis vier Stunden werde sein „Videoschnipselvortrag“ allemal dauern. Er erwartete Disziplin.

Der Solokünstler aber, der nach dem Fall der Mauer die Ostausgabe der „taz“ geleitet hat, um dann mit Kultsendungen bei Jugendsender „Radio Fritz“ berühmt zu werden und durch ein Stasi-Bekenntnis sogar berüchtigt, legte sich selbst eine gewisse Maßlosigkeit auf. Über Shakespeares „Maß für Maß“ solle er auf Einladung des Burgtheaters sprechen – davon aber gab es kein Wort, sondern Kuttner sprach über Sex, indem er skurrile Video-Sequenzen erst abhandelte und dann auch zeigte: Gesellschaftskritik pur, die irgendwie in den Siebzigerjahren stecken geblieben zu sein schien.

Neun Schnipsel sollten es werden, bei sieben gab Kuttner dann auf. Drei Stunden Stakkato haben aber auch wirklich gereicht. Nun weiß das Publikum also, warum es bei der bloßen Nennung von „tschechisches Musical“ lacht, oder auch nicht, warum der Preuße Kuttner den Wiener Ausdruck „Geh scheiß'n!“ schätzt, oder auch nicht – denn: „Ein guter Satz ist nur gut, wenn auch sein Gegenteil stimmt“, sagte der dialektisch geschulte Mann, der in der DDR über „Massenkultur und Masse“ promoviert hat, mit Wohlbehagen.

Die Assoziationen waren nicht immer treffend, aber auch das gehört offenbar zum Konzept. Hier agierte souverän ein sehr menschlicher Entertainer. Ging ein Gag nicht auf, weil er verkehrt herum aufgezogen war, wurde das Publikum sanft getadelt. Kuttner betätigte sich also auch als Erzieher, der die dritte Feuerbachsche These von Marx kennt: „Wer erzieht die Erzieher?“

Ein anspruchsvoller Abend also, bei dem man zum Beispiel über den Zusammenhang von Heißwasserboilern und Sexualität aufgeklärt wurde, Joseph Beuys beim Singen eines Werbespots für die Grünen 1984 beobachten durfte und schließlich als finalen Höhepunkt das erhebendste von Rolf Schwendters „Liedern zur Kindertrommel“ aus dem Jahre 1970: „Ich bin noch immer unbefriedigt“. Laut Kuttner ist diese Interpretation viel besser als „I can get no satisfaction“, das Original der „Rolling Stones“. Nach drei Stunden intensiver Schnipselwelt ist man bereit, das zu glauben. Kuttner hat einen raffiniert dilettantischen Umgang mit der Welt. Ein ungewöhnlicher Abend ohne Maß und Ziel von einem Berliner, der die Kunst des Sinnierens beherrscht wie nur die Allerbesten in Wien.

Zu sehen noch einmal Do, 28.2., 20 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2008)

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