Die Geldmenge ist ein bisschen außer Kontrolle, folgt bald die Inflation?
Kommt die Rezession (in den USA) jetzt oder kommt sie nicht? In dieser Frage schlagen derzeit Untergangs-Apologeten und konjunkturelle Frohnaturen mit fast schon religiösem Eifer aufeinander ein.
Dabei ist die Frage eher akademisch: Wenn das US-BIP zwei Quartale hintereinander um je 0,1 Prozent fällt, dann heißt das Rezession. Wenn es um 0,1 Prozent steigt, nicht. In der Praxis wird man da wenig Unterschied bemerken. Denn so exakt ist die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung auch wieder nicht.
Was aber niemand ernsthaft bestreitet, ist, dass wir uns auf einen deutlichen Abschwung einstellen müssen. Und dass die wahlkämpfende US-Adminstration mit voll aufgedrehtem Geldhahn gegensteuern wird. Mit kräftigen Zinssenkungen und einer 100 Milliarden Dollar Finanzspritze etwa.
Das ist verdienstvoll, denn derzeit haben wir es nicht mit einer zyklischen Konjunkturschwäche, sondern mit einer Finanzkrise à la 30er Jahre zu tun. Mit dem allerdings entscheidenden Unterschied, dass die Notenbanken jetzt Feuerwehr spielen, während sie in den Dreißigern seelenruhig dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise zugesehen haben.
Man kann es allerdings auch ein wenig prosaischer ausdrücken: Die Notenbanken, besonders die Fed, haben schlicht die Gelddruckmaschinen angeworfen. Das mag in der derzeitigen Kreditklemme notwendig sein, ist aber ein Problem.
Die Geldmenge ist ja jetzt schon außer Kontrolle: Die EZB hat zuletzt ein Wachstum der relevanten Geldmenge M3 (Bargeld, Giroeinlagen, kurzfristige Geldmarktpapiere und mittelfristige Schuldverschreibungen) von 12,3 Prozent (!) gemeldet. Die Fed veröffentlicht (warum wohl?) seit zwei Jahren M3 gleich gar nicht mehr, US-Experten gehen aber von einem Wachstum von zuletzt 18 Prozent aus. Mit anderen Worten: Die „wahre Inflation“ (M3-Wachstum minus BIP-Wachstum) liegt in der Eurozone irgendwo bei neun und in den USA bei 14 Prozent.
In der Vergangenheit (beispielsweise in den siebziger Jahren) hat sich eine übermäßige Aufblähung der Geldmenge mit mehrjähriger Verzögerung in zweistelligen Zuwachsraten der Verbraucherpreise niedergeschlagen. Und das ist derzeit wahrscheinlich die größere Gefahr als ein temporärer Wachstumsknick, ob der nun Rezession heißt oder nicht.
josef.urschitz@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2008)