Endlich hat man wieder das Gefühl, dass es um etwas geht in der Politik.
Eigentlich weiß ich es ja eh: Ich sollte am Küchentisch nicht soviel über Politik diskutieren! Jedenfalls nicht, wenn Gäste da sind. Wenn Gäste da sind, dann sind die entweder alle meiner Meinung, was zwar sehr nett ist, aber fad, weil es darauf hinausläuft, dass wir uns gegenseitig bestätigen, wie recht wir doch alle haben. Oder die Gäste sind ganz anderer Meinung – dann ist das zwar amüsant, bringt aber im Grunde auch nichts. Der Sinn von Argumenten wird ja allgemein überschätzt. Normalerweise ändern Argumente gar nichts.
Daran hätte ich neulich denken sollen. Da saß nämlich ein junger Bursch bei uns in der Küche. Mein Mann hatte ihn eingeladen, und ich habe mich dazu gesetzt, weil ich bald 40 werde und somit ein Alter erreicht habe, in dem man sich denkt: „Aha! Ein junger Mensch! Einmal sehen, was die so denken heutzutage!“ Was natürlich auch wieder blöd ist.
Jedenfalls trank der junge Mann einen Espresso mit Zucker und erklärte uns, er werde nicht mehr wählen gehen. „Die Parteien“, meinte er, „sind eh alle gleich! Das macht doch keinen Unterschied. Rot oder Schwarz, ganz egal!“
Ich muss zugeben, ich war überrascht. Nicht, dass das Argument so neu gewesen wäre. Im Gegenteil. Eigentlich war es sogar ziemlich alt. Eigentlich war es ein Argument, das in den Neunzigern im Schwange war: Damals hatten wir ebenfalls eine große Koalition und Common Sense war, dass die Parteien in die Mitte rücken. Nur das „Warum“ war strittig. „Weil es allen nur um die Wählerstimmen geht“, meinten die einen. „Weil es in Zeiten der Globalisierung gar keinen Handlungsspielraum mehr gibt und jede Regierung eh nur tut, was getan werden muss“, meinten die anderen.
Das war damals. Jetzt ist 2008. Jetzt wird gestritten. Um die Gesamtschule. Um die Pflege. Um den Nichtraucherschutz. Um die Homo-Ehe. Einerseits ist Streiten natürlich öde und bringt nicht viel. Aber andererseits hat man endlich wieder das Gefühl, dass es um etwas geht. Dass Politik machbar ist. Dass es mehr gibt als die „normative Kraft des Faktischen“ (Sie erinnern sich?).
Jedenfalls: Wer bei der nächsten Wahl immer noch sagt, er wisse nicht, wofür die Parteien stehen, der hat ganz offensichtlich geschlafen.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2008)