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"Freigesprochen": Ein Kuss vor dem Tode

poool
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Kraftlos: Peter Payers „Freigesprochen“ nach Ödön von Horváth.

Ein Kuss vor dem Tode: Der unachtsame Moment der Zärtlichkeit zwischen Fahrdienstleiter Thomas (Frank Giering) und Freundin Anna (Lavinia Wilson) kostet 22 Menschen das Leben – ein Zug stößt mit dem LKW von Thomas' bestem Freund (Alfred Dorfer) zusammen. In der Folge werfen Schuldgefühle die Leben von Thomas und Anna aus ihren Bahnen.

Schnell wird schmerzliche Diskrepanz offenbar: Der kurze, bestechende Moment, in dem die Protagonisten nicht wissen, was sie tun, führt zu langatmigem überdeutlichen Ausbuchstabieren der Folgen des Psychodramas im Innern. Unentschiedenheit prägt Peter Payers Freigesprochen, eine Übertragung von Ödön von Horváths Stück „Der jüngste Tag“ in ein gegenwärtiges Niemandsland (nur so viel ist sicher: Es liegt im deutschen Sprachraum).

Payers Rückkehr zur Literaturverfilmung (1999 adaptierte er Drachs Untersuchung an Mädeln) scheitert irritierenderweise am literarischen Anspruch, erlahmt unentschlossen zwischen Illustration und Stilisierung. Kaum eingelöst werden die anfänglichen visuellen Versprechungen stimmungsvoller Panoramen (Kamera: Andreas Berger): wie die sengende Sonne über dem Zug tief im Himmel hängt, dem Licht einen giftgelben Stich gibt, beschwört intensiv die Vorahnung des Unglücks. Doch bald erschöpft sich das Drama in undramatischer Wiederholung von Leidensgesten. Thomas neigt eher dazu, gegen die Wand zu treten; Anna sammelt schuldbewusst Zeitungsartikel zu den Opfern; selbst ihr obsessiver Sex zur Kompensation wirkt kraftlos.

Ganz unterentwickelt sind die Nebenfiguren: Corinna Harfouch und Robert Stadlober als jeweilige Partner haben keine Chance, ihren Charakteren und Beziehungen Komplexität oder Kontur zu verleihen – wie auch Dorfer. Das sorgt für den unfreiwillig komischen Nebeneffekt, dass Thomas' Visionen vom toten Freund den Eindruck erwecken, er würde sich vor dem nächsten Kabarettprogramm fürchten. hub

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2008)