Markt-Check vor den großen Ausstellungen. Den Kokoschka-Höchstpreis erzielte in Österreich Hassfurther 2004, mit rund 400.000 für die frühe Gouache „Amokläufer“.
Feiert der Kunstmarkt Klimt und Schiele zurzeit in ungeahnt opulenten Rekordorgien, ist es um das Werk des Zeitgenossen Oskar Kokoschkas (1886–1980) schon fast auffällig ruhig. Was Otto Hans Ressler, Direktor des Wiener Auktionshauses „Im Kinsky“, sofort mit dem „Wotruba-Effekt“ benennt: Niemand nimmt sich des Oeuvres des Künstlers an – und es herrscht Streit um sein Erbe. Zumindest die ebenfalls bemängelte Präsenz in den Museen wird sich gehörig erhöhen: Ab kommendem Mittwoch zeigt das Belvedere das frühe, ab 11.April die Albertina das späte Werk des österreichischen Expressionisten. Trotzdem: Es „bewegt sich nicht viel“ für einen Künstler dieser Bedeutung, findet Ressler.
Den Kokoschka-Höchstpreis erzielte in Österreich Hassfurther 2004, mit rund 400.000€ für die frühe Gouache „Amokläufer“. Der Rekord für ein Ölgemälde liegt Jahre zurück: 1989 erzielte Sotheby's für „Dresden, NeustadtI“ (1919) 2,97 Mio. Dollar. Käme aber jetzt ein gutes Porträt aus der Periode der frühen 1910er-Jahre auf den Markt, würde es locker den Rekord sprengen, meint Sotheby's-Experte Patrick Legant. Nur: Gute und frühe Werke sind extrem rar. Und spätere Arbeiten, aus den 30er-Jahren und der Nachkriegszeit, weniger nachgefragt. Ihnen fehle „der Bruch, sie sind weniger avantgardistisch, mehr dekorativ“. In diesem Bereich sind die Städteansichten von Prag und London „Topseller“ mit 300.000/400.000 Pfund.
„Mehr Herzblut“, das macht auch für den auf Kokoschka spezialisierten Wiener Händler Richard Ruberl den Unterschied zwischen frühen und späten Zeichnungen aus. Was sich auch im Preis äußert: „Ein 1940 datiertes Blatt kostet 20.000/25.000 Euro. Ein 1910 bis 1917 datiertes doppelt bis dreimal so viel.“ Frühe Gemälde wären für den „normalen mitteleuropäischen Händler“ sowieso nicht erschwinglich. Dafür gehen drei Zeichnungen aus seinen Beständen als Leihgaben in die Belvedere-Ausstellung.
Amerikaner wollen Lieblichkeit und Erotik
Das Spätwerk Kokoschkas findet Ruberl aber trotzdem noch unterbewertet: „Es gibt wunderbare Arbeiten, Theaterszenen, schöne Farbharmonien – Kokoschka ist unser großer Künstler. Schon der Sammler und Händler Serge Sabarsky hat immer gesagt: ,Der Kokoschka ist besser als der Schiele‘.“ Eben nicht lieblich, ohne vordergründige Erotik, erklärt Ruberl. „Damit finden sich die Leute nicht so leicht ab. Vor allem die Amerikaner nicht, die für die Klimt- und Schiele-Rekorde der letzten Zeit gesorgt haben.“
Das spiegelt sich auch in der Auswahl wider, die „Wienerroither und Kohlbacher“ zu ihrem ersten Auftritt auf der „Palm Beach Kunstmesse“ von 30.Januar bis 3.Februar mitnehmen: Klimt und Schiele. Und ein spätes Auftragsporträt, das Kokoschka 1970 von Sofia Lorens Sohn Carletto Ponti gemalt hat. 750.000 Dollar hofft man für dieses Kinderbild zu bekommen. Als Leihgabe für die Albertina-Schau ist es schon angefragt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2008)