Stammzellen: Österreich im Abseits

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Medizin. Eine Bioethiktagung in Wien thematisierte den legistischen Regelungsbedarf des Feldes – und fiel damit bei der Politik auf fruchtbaren Boden.

Es wäre unverantwortlich gegenüber kranken Menschen, ein solches Zukunftspotenzial für neue Therapieformen nicht auszuschöpfen.“ Mit diesen Worten reagierte Hannes Jarolim, SPÖ-Justizsprecher, auf eine Bioethiktagung, die Donnerstag/Freitag in Wien zum Thema embryonale Stammzellen (ES) abgehalten wurde. Vertreter anderer Parteien – ÖVP, Grüne und FPÖ – äußersten sich laut Apa ähnlich, es zeichnet sich eine breite parlamentarische Mehrheit für die Freigabe überzähliger Embryonen der In-vitro-Fertilisation zur Herstellung von ES ab.

Die Tagung selbst – organisiert von der Bioethikkommission (BEK) des Bundeskanzleramts und dem Institut für Ethik und Recht in der Medizin (IERM) – verlief eher matt und abgeschottet von Aktualitäten des Feldes, über das debattiert wurde. So drang nicht durch die Sicherheitstüren des Tagungsorts – des Justizpalasts –, dass zur gleichen Zeit in England erstmals ein Mischwesen (Hybridembryo) aus Mensch und Rind zur Produktion von ES genehmigt wurde; ebenfalls vor der Tür blieb die Sensation aus den USA: Ein Team um Andrew French (Stemagen Corporation) hat zur ES-Herstellung erstmals einen Menschen „therapeutisch geklont“: Das heißt, dass ein Embryo aus einer Eizelle und dem Kern einer Hautzelle produziert wurde (Stem Cells, 17.1.).

Abwesender Wissenschaftsminister...

Auch die Zahl der an der Diskussion interessierten Kommissionsmitglieder hielt sich in Grenzen. Ulrich Körtner, Theologe, Mitglied der BEK und Vorstand des IERM, bemängelt aber vor allem die Abwesenheit von Johannes Hahn: „Das Wissenschaftsministerium hat die Pflicht, Regelungen aufzustellen, doch von dort kam bisher nur Schweigen.“ Körtner ortet dringenden Handlungsbedarf, auch der BEK selbst: „Die Diskussion über Stammzellforschung wurde in Österreich viel zu spät begonnen und die BEK erst 2001 eingesetzt. Bis heute fehlen Stellungnahmen zum Embryonenschutz, zur Präimplantationsdiagnostik, zur Anwendung des Klonens und zur Erzeugung und Beforschung von Hybridembryos.“

Dieser Mangel ist eine Spätfolge einer Entscheidung der Bundesregierung im Jahr 2002: Sie lehnte beim Beschluss des sechsten und siebten EU-Rahmenprogramms für Forschungsförderung die Förderung der Forschung an humanen ES ab. Das bremste die Arbeit des Gesetzgebers, es bremste auch die Forschung selbst. „Damit gerieten wir ins Abseits“, berichtet Erwin Wagner, Vorreiter der Forschung an humanen ES in Österreich: „Bei internationalen Projekten wird Österreich ausgelassen, da es bisher hieß: ,Eure Regierung hat etwas gegen Stammzellforschung.‘“

Für Wagner können aussichtsreiche Experimente nur an humanen ES durchgeführt werden. Bei den Alternativen – ethisch unbedenklicheren adulten Stammzellen und induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) – überwiegen demnach die Nachteile für die Grundlagenforschung.

Einen Überblick der Gesetzeslage in anderen Ländern präsentierte Staatsrechtsexperte Manfred Stelzer: „Das europäische Forschungsrecht nimmt als einziges explizit Stellung zur Stammzell-Forschung.“ In allen anderen Rechtsgrundlagen geht es allenfalls um Stammzellen-Gewinnung. In jedem Fall ergeben sich rechtliche und ethische Fragen zum Lebensschutz. Doch herrscht meist Uneinigkeit bei der Definition: Paradoxerweise wird diskutiert, ob man Blastozysten, aus denen embryonale (!) Stammzellen gewonnen werden, überhaupt „Embryo“ nennen kann. Körtner sieht jedenfalls die Gesetzeslage der Schweiz als Vorbild, wo ein Stammzellenforschungsgesetz die Beforschung von humanen ES unter strengen Bewilligungs- und Kontrollvorgaben erlaubt.

...fehlende Rechtssicherheit

Aber, ob man sich nun an der Schweiz orientiert oder nicht, entscheidend ist, dass klar geregelt wird: „Die Forschung braucht Rechtssicherheit“, schloss Körtner, „egal, ob in einem breiten Biomedizingesetz oder einem engen Stammzellforschungsgesetz.“

ES: Hoffnung, Problem

EmbryonaleStammzellen (ES) sind Hoffnungsträger der Medizin, da man aus ihnen theoretisch alle Zelltypen (für Transplantate) herstellen kann.

Das Problem liegt in der Herstellung der ES selbst. Bisher muss man dafür Embryos zerstören; ein anderer Weg zeichnet sich zwar ab, ist aber noch nicht ausgereift.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2008)

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