Gegen den Fieberwahn helfen Romane, die im Fieberwahn geschrieben zu sein scheinen.
Unlängst habe ich, sozusagen als Avantgarde der zu erwartenden Epidemie, einige Tage fiebrig im Bett verbracht und dabei sogar großes Glück gehabt. Denn es ist unwahrscheinlich und eigentlich fast wie im Lotto, dass man bei beruflich vorbestimmter Lektüre, im Pflichtprogramm also, eine Serie von sechs exzellenten Büchern erwischt.
Über Weihnachten aber reines Vergnügen; das machte mich misstrauisch. War mir durch tückischen Infekt, der die Atemwege einschnürte, gar die Fähigkeit zur Kritik abhandengekommen? Wurde ich zum Alfred Gusenbauer der Bettlektüre, der sich die Welt schönfantasiert? Weder Mircea Cartarescu noch Peter Henisch noch Peter Handke enttäuschte mich.
Von Dostojewski, Tolstoi und Miss Austen hätte ich das ohnehin nicht erwartet, die habe ich zugegebenermaßen aus Neigung wieder gelesen, stellenweise, weil ich wissen wollte, ob die Brüder Karamasow tatsächlich so wild wie im Akademietheater, ob Natascha und ihre Männer tatsächlich so verwegen und romantisch waren wie im Film. Ich hatte sie anders in Erinnerung. Ein bisschen kitschig geht es auch in den Originalen zu. Doch bei „Krieg und Frieden“ etwa gibt es einen abgeklärten Erzähler, der das Sentiment relativiert, und auch noch die großartige Sonja, in die wohl selbst Graf Tolstoi vernarrt war. Beim großen TV-Vierteiler über dieses Buch (der mir ebenfalls gefallen hat!) wurde das arme Mädchen meiner Meinung nach vernachlässigt.
Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein. Ich habe nämlich die dicken Russen und die schmalen Österreicher, den verrückten Rumänen und die coole Britin parallel gelesen, je nach Tagesverfassung. Das war vielleicht ein Fehler, denn dadurch haben sich in meiner anschließenden Traumarbeit südenglische Liebesdinge und russische Heiratssachen mit Balkan-Apokalypsen und Klavier spielenden Großmüttern aus „Eine sehr kleine Frau“ vermischt, Handke kam in einer mitternachtsblauen morawischen Nacht per Hausboot nach Wien, energisch dreinblickend wie Dornhelms Napoleon bei seinem Abzug aus Moskau.
Irgendwie passte diese paneuropäische Melange zu Cartarescus Roman „Die Wissenden“, denn der erste Teil einer Bukarester Trilogie scheint im Fieberwahn geschrieben zu sein, doch traumwandlerisch sicher. Ich würde es vorbehaltlos als Hausmittel bei schwerer Grippe empfehlen.
Dieses Wochenende aber widme ich der Bürgerpflicht, nicht dem Vergnügen. Ich werde alle Proteste aller Würdenträger gegen böse Grazer Volksaufwiegler laut nachlesen, alle Stellungnahmen vom Erzbischof bis zum letzten Balkan-Beauftragten. Dann werde ich noch sämtliche Politikerreden nach der Gemeinderatswahl anhören. Das sollte die geeignete Rosskur sein, bei der sich erweist, ob ich auch wirklich genesen bin.
norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2008)