Als klassische Moderne an die Mur gelangte

HAUPTSTADT DER KULTUR? Graz hängt treu an der Avantgarde. Sie ist dort seit fast 50 Jahren Tradition.

Bis weit über die Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts hinaus galt die steirische Landeshauptstadt Graz als eigentliche mitteleuropäische Metropole der Avantgarde. Sprach man von Defiziten der Kultur, dann meinte man Raumprobleme. Bedeutende Künstler seien ja vorhanden, es mangle nur an Orten für die Verwirklichung sprühender Ideen. Jahrzehntelang wartete man auf den Bau eines Kunsthauses, das in einer mittelgroßen Stadt eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Spätestens seit dem Jahre 2003, als Graz Kulturhauptstadt Europas war, hat sich die Situation geändert. Im Kern, rund um das Joanneum, entsteht ein eigenes Museumsquartier. Mit dem neuen Kunsthaus, der List-Halle und der Verlegung der Alten Galerie ins ehrwürdige Schloss Eggenberg ist die Kunst sogar in die Bezirke jenseits der Mur vorgedrungen. Bis dahin war die Stadt geradezu geteilt; auf der einen, besseren Seite Burg, Dom, Schlossberg, Universität, Schauspielhaus und sogar noch intakte Renaissance, auf der anderen die Steppe vor dem Bahnhof, durch den man das Steirische weit vor Mitternacht verlässt, wenn man den Anschluss an Wien nicht verpassen will.

Heute führt man eine andere Diskussion; ob diese neuen Räume überhaupt zu füllen, ob die Budgets von Stadt und Land nicht durch zu viel kulturelle Verzettelung überfordert seien. Ob die Kulturpolitik überhaupt das für eine Avantgarde-Metropole beanspruchte Format habe. Ist die bildende Kunst in Graz tatsächlich tot, seit Martin Kippenberger (er war dort für einige Kurzbesuche) 1997 gestorben ist? Das wäre übertrieben. Immerhin hat auch der Brucker Shooting Star Erwin Wurm eine Affinität zur Stadt, und Peter Weibel ist sogar geblieben – als Chefkurator der Neuen Galerie. Die Jungen aber, sagt man, zieht es nach kurzen Lehrjahren weg von Graz, via Wien nach Berlin oder gar nach New York.

Die gute alte neue Zeit

Der Grundton lautet also Nostalgie. Das ist natürlich eine Paradoxie; einst progressive Geister beschwören die gute alte Zeit. Die hatte tatsächlich eine Fülle klingender Namen: Peter Handke, Gerhard Roth, Alfred Kolleritsch, Barbara Frischmuth, Wolfgang Bauer und einige andere in der Literatur, Günther Domenig, Michael Szyszkowitz, Klaus Kada, Hermann Eisenköck, Ernst Giselbrecht, Volker Giencke und noch viele mehr in der Architektur. Man spricht sogar ganz luftig von einer eigenen Grazer Schule des Bauens, während moderne Literatur und Kunst sozusagen amtlich im Forum Stadtpark und in der Zeitschrift „manuskripte“ zuhause sind, immerwährend, so wie der „steirische herbst“.

Dieses Festival hatte tatsächlich einen großen Erfinder: Hanns Koren (1906–1985) war lange Jahre als Kulturlandesrat eine prägende Figur, an ihm sieht man auch das Grazer Dilemma. Die Stadt ist auch geistig zweigeteilt. Konservativ in der Gesinnung, aus dem katholischen Bund Neuland stammend, ließ der Professor für Volkskunde vieles zu. Offenheit war sein Prinzip. Mit der Dreiländer-Ausstellung Trigon öffnete er die Grenzen, das war in der Hochzeit des Kalten Krieges außergewöhnlich. Und die von ihm geförderten Jungen rechneten in den Sechzigerjahren ab mit der Reaktion, denn Graz war auch eine fruchtbar ewiggestrige Stadt mit einer starken deutschnationalen Fraktion. Um das zu erleben, muss man auch heute nur das Mienenspiel einiger von Schmissen zerfurchter Gesichter bei Wagner-Aufführungen studieren, oder eben bei skandalträchtigen Inszenierungen in der immer wieder positiv auffallenden Oper.

Provozieren konnte die Literatur durch Formen, die anderswo längst erprobt waren – als klassische Moderne seit Anfang des 20.Jahrhunderts. Die Rebellion in Graz war also eine Imitation von Dada, Surrealismus, konkreter Poesie, ein Nachholprozess, wenngleich ein notwendiger. Als der genialische Dramatiker Wolfgang Bauer 1970 den Rosegger-Preis erhielt, wurde sein künstlerischer Ziehvater Koren so stark angefeindet, dass der als Landesrat zurücktrat. Sein „herbst“ hatte noch starke Jahre vor sich.

Was bleibt? Handke vielleicht und seine Grazer Freunde. Vielleicht die Grazer Schule. Und heute? Kleinreden gilt nicht. Heute leiten fantasiebegabte Frauen das Festival und das Schauspielhaus. Für Graz ist das fast schon wieder revolutionär.

KULTUR IN GRAZ: Gründerzeit

1957 wird Hanns Koren (ÖVP) Landesrat für Kultur. 13 Jahre lang prägt er sie, indem er den Dialog und die Moderne fördert.

Das „Forum Stadtpark“ entsteht 1959 – eine Aktionsgemeinschaft von Künstlern, Wissenschaftlern und Kulturschaffenden.

Den ersten „steirischen herbst“ gibt es 1968. Er wird als internationales Festival für zeitgenössische Kunst verstanden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2008)

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