Theater: Wie es wirklich war mit Schiele

Stadttheater Walfischgasse
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Kritik: Peter Patzaks „Akte. Im Schweigen vermählt“ lässt im Stadttheater Walfischgasse Modelle großer Maler zu Wort kommen.

Der vielfach ausgezeichnete Filmregisseur Peter Patzak, der vor 32 Jahren mit seiner anarchischen TV-Krimi-Serie „Kottan ermittelt“ österreichische Fernsehgeschichte schrieb, kann auch ein veritabler Bildungsbürger sein. Für das Stadttheater Walfischgasse hat er das Stück „Akte. Im Schweigen vermählt“ verfasst und auch Regie geführt. Die Uraufführung am Freitag brachte Erbauliches im Text und zum Teil Großartiges im Spiel der drei jungen Darstellerinnen, allein die Dramaturgie zeigte Schwächen.

Zu viel vom Gleichen, lautet der Vorwurf, denn die neun mit Dias großer Gemälde gewürzten Szenen haben alle das gleiche Grundmuster: Es geht um die Charakterisierung großer Maler aus der Perspektive ihrer Modelle. Gerti Drassl, Eva Herzig und Maddalena Hirschal teilen sich schwesterlich die Aufgabe, die Zusammenarbeit von Maler und Modell zu präsentieren. Durchwegs geht es um Abhängigkeitsverhältnisse, zuweilen sogar um Missbrauch. Die Mädchen werden von den Genies brutal ausgenützt.

Diese Frauen erzählen viel, viel später, wie es wirklich war, zwischen Egon Schiele und seiner Wally, zwischen Ernst Ludwig Kirchner und Fränzi Fuhrmann, zwischen Gauguin und Juliette Huet, aus der Sicht der – ebenfalls malenden – Tochter Germaine Chardon erzählt. Picasso, Rembrandt, Warhol, Hammershoi und Caillebotte, von deren Dämonen berichten jene, die es wissen mussten.

Fleischfressende Genies

Einzig bei Edward Hopper gibt es nichts Persönliches zu erfahren, sondern eine komische Variante: Eine alte Frau, die einst Zufallsmodell für das Bild „Automat“ war, wurde selbst Malerin, allerdings mit einem skurrilen Schicksal; alle ihre Bilder wurden an den illustren Orten der modernen Kunstgeschichte zerstört, niemand bekam sie zu sehen. Das war offenbar auch im Sinne der Malerin und ist eine hintersinnige Coda für „im Schweigen vermählt“.

Mit der Statik von Diaschau, Text und fehlendem Interagieren zwischen den drei Schauspielern kommt am besten Eva Herzig zurecht. Sie bringt bei aller Coolness Leidenschaft und eine enorme Präsenz auf die Bühne. Sie wird der hochpoetischen, dichten Collage am meisten gerecht. Starke Auftritte hat auch Gerti Drassl, diese feine Charakterdarstellerin. Aber gerade in der skurrilen Rolle des steinalten Hopper-Modells neigt sie zur Übertreibung. Maddalena Hirschal spielt den jugendlich naiven Part und hat dabei am wenigsten Variationsbreite zu bieten. Da wäre mehr drin gewesen.

Die Begegnung mit fleischfressenden Genies hat diese jungen Frauen beschädigt. Patzak zeigt diese dunkle Seite ungeheuer belesen auf, er spart auch nicht mit Kritik am absurden Kunstmarkt. Für 250 Dollar hat in den Sechzigerjahren eine junge Frau einen Siebdruck Andy Warhols mit einem Porträt der Monroe gekauft. Die Käuferin wird von einem Lastwagen überfahren, ihre Freundin bleibt geschockt mit dem Bild in ihren Händen zurück. Sie wird ihn Jahrzehnte später um den 160.000fachen Preis verkaufen. Auch das ist eine der typischen kleinen Grausamkeiten dieses Abends.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2008)

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