Cristian Mungiu: „Rumänien hat nur 35 Kinos“

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Interview. Cristian Mungiu über Rumäniens Filmerfolge und seinen Cannes-Sieger, das Ceausescu-Ära-Abtreibungsdrama „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“. Ab Freitag.

Das zeitgenössische rumänische Kino sucht neue Bilder: Nach der Hinrichtung des kommunistischen Diktators Nicolae Ceausescu 1989 wandelte sich auch die Filmproduktion des Landes entscheidend. Im letzten Jahrzehnt versuchte sich eine Reihe formal und inhaltlich zunehmend eigenständiger Filme an der Aufarbeitung der kommunistischen Ära. Etwa Cristian Mungius 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage, der 2007 die Goldene Palme in Cannes gewann: der jüngste Höhepunkt der internationalen Erfolgsgeschichte des jungen rumänischen Kinos.

Mungiu erläutert: „Ich gehöre zu einer besonderen Generation in Rumänien – die sogenannten ,Kinder des Dekrets‘. Das geht auf Ceausescus Dekret von 1966 zurück, das Abtreibung verbot. Mir fiel auf, dass es zwischen den Kindern dieser Generation eine gewisse Solidarität gibt: Plötzlich hatte ich da den Wunsch, einen Film zu machen mit einer gewissen Relevanz für sie, für mich und für die Zeit, in der wir aufwuchsen.“

Mungius Drama erzählt von einer ungewollt schwanger gewordenen Studentin (Laura Vasiliu), die 1987 in Bukarest gemeinsam mit ihrer Freundin und Zimmerkollegin (Anamaria Marinca) versucht, eine illegale Abtreibung zu organisieren – und zu überleben. Der zeitliche Rahmen der Erzählung umfasst nicht einmal einen Tag: Die Durchwirkung des Lebens mit kommunistischen Doktrinen wird durch diese Komprimierung besonders deutlich. Über Artefakte – wie damals verbotene Kent-Zigaretten, mit denen im Studentenheim illegal gehandelt wird – und atmosphärische Details wird die Stimmung im Rumänien der späten 80er ohne nostalgische Verklärung eingefangen.


Rekonstruktion der Ära im Detail

Mungiu: „Ich erinnere mich an alles im Detail. Es ist ja schön, sich an seine Jugend zu erinnern: Die Nostalgie bezieht sich nie auf das System, sondern auf das eigene Leben. Aber mein Film sollte ganz dicht bei den Figuren bleiben, im Mittelpunkt steht die Geschichte selbst, und nicht meine persönlichen Erinnerungen. Wir rekonstruierten die Atmosphäre der Ära aus Kleinigkeiten. Damals lag einfach etwas in der Luft, wodurch sich die Leute unterdrückt fühlten.“

Auch die Form des Films betont das Konkrete: Er besteht aus vielen ungeschnittenen mehrminütigen Szenen, oft ohne Einstellungswechsel. Das war eine große Herausforderung für die Schauspieler: „Wir wollten keinen spektakulären Film machen, mieden auch das Anekdotische – und alles, was den Einfluss der Filmemacher betont hätte. Die Geschichte sollte ohne Abschwächung, wie unbeeinflusst aufs Publikum treffen. Bei den Schauspielern sah ich von Anfang an die Fähigkeit, dass sie enorm lange Szenen durchhalten können. Es gibt keine Improvisation im Film. Ich musste mich also auf die Fähigkeit der Akteure verlassen können.“

Obwohl Rumäniens Kino mittlerweile international beachtet wird, ist das Land filmstrukturell und filmpolitisch unterentwickelt. So hat Mungius Landsmann und Kollege Cristi Puiu, der zuletzt mit Der Tod des Herrn Lazarescu (2005) weltweite Erfolge feierte, gerade massive Probleme mit der Finanzierung seiner nächsten Produktion.


Wegen Kino-Tod: Die Filme selbst gezeigt

Und selbst die Fertigstellung eines Films ist noch keine Garantie dafür, dass er dann daheim zu sehen ist. „Das größte Problem ist der Filmvertrieb. Rumänien hat 20 Millionen Einwohner, aber nur mehr 35 Kinos. Ich nutzte den Cannes-Preis, um mit Partnern aus der Privatwirtschaft einen Wohnwagen zu organisieren: Damit tingelte ich durchs Land und organisierte in großen Städten, die keine Kinos mehr haben, Vorführungen meiner und anderer heimischer Filme der letzten Jahre. Es ging mir ausschließlich darum, allen zu zeigen, dass die Leute unsere Filme wirklich sehen wollen.“

4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage ist ein kleiner (und nicht einmal der beste) Beitrag zur Vielfalt zeitgenössischen rumänischen Kinos, das nur einen gemeinsamen Nenner zu haben scheint: ein großes Interesse an der Realität, und an neuen Bildern, die die klobigen Metaphern und die Wirklichkeitsflucht kommunistischer Propaganda aus den Köpfen der Rumänen vertreiben sollen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2008)