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"Österreich ist ein Doping-Paradies"

EPA (Robert Parigger)
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Sportstaatssekretär Reinhold Lopatka kündigt verschärftes Arzneimittelgesetz an. Weil Experten meinen: „Strafrechtlich gesehen ist Österreich ein Doping-Paradies!“

WIEN. Die Doping-Affäre von Olympia in Turin 2006 ist noch immer nicht ausgestanden, ein Ende der Nachwehen ist derzeit nicht absehbar. Konkrete Ermittlungsergebnisse liegen zwar noch immer nicht vor, aber das Wiener Plasma-Unternehmen „Humanplasma“ ist auch noch nicht wirklich entlastet. Die Geschäftsführung beteuert weiterhin die Unschuld, eine Verstrickung in einen Blutdoping-Skandal kann man sich in Wien-Alsergrund nicht vorstellen. „Humanplasma“ hat daher gegen Richter Arnold Riebenbauer, den Leiter der ÖSV-Disziplinarkommission, rechtliche Schritte eingeleitet.

Riebenbauer hat inzwischen reagiert, er hat in der Nacht auf Dienstag einen Brief verfasst, der an die Anwälte von „Humanplasma“ adressiert werden soll. Das Schreiben muss noch in Reinschrift gegossen werden, dann soll die Stellungnahme vom ÖSV veröffentlicht werden. „Dort steht alles drinnen, was es in dieser Angelegenheit zu sagen gibt.“ Eine Sache ist dem Richter sehr wichtig: „Ich bin nicht an die Öffentlichkeit gegangen, man hat begonnen, bei mir zu recherchieren. Wenn Humanplasma Unrecht empfindet, warum klagt die Geschäftsführung nicht Dick Pound, den ehemaligen Wada-Chef? Sein Schreiben wurde ja abgedruckt.“

Der Leiter der ÖSV Disziplinarkommission kommt seit Tagen nicht mehr zur Ruhe, „ich bin kein Doping-Jäger, aber ich habe lebhaftes Interesse an der Aufdeckung dieser Geschichte.“ Riebenbauer spricht in diesem Zusammenhang von einem „engmaschigen Netz“. Er selbst habe jahrelang die Meinung vertreten, man dürfe Doping-Vergehen nicht kriminalisieren. „Jetzt sehe ich vieles anders. Der Kampf gegen Doping muss in Österreich ausgeweitet werden.“ Ist Österreich denn tatsächlich ein Doping-Paradies? Knappe Antwort: „Vom strafrechtlichen Standpunkt – ja!“


„Auf der richtigen Spur“

Dass die deutschen TV-Sender ihre „Doping-Experten“ zurückgepfiffen haben und sich von der Berichterstattung über Blutdoping distanzieren, das erschüttert Arnold Riebenbauer ganz und gar nicht. „Es gibt einige, die sind schon auf der richtigen Spur.“ Wie Hajo Seppelt (ARD). Der Richter hingegen lässt sich keinen Maulkorb verpassen.

Zu den Beteuerungen des auf Lebzeiten von Olympia ausgeschlossenen Wolfgang Perner (siehe Interview), mit Doping nichts zu tun gehabt zu haben, meint Riebenbauer: „Wir haben über ein Jahr gebraucht, um in der Causa Perner zu einem Urteil zu gelangen. Mehrmals wurde er eingeladen, zu einer Anhörung zu erscheinen. Nur einmal ist er erschienen und meinte: Ich weiß nichts und sage nichts. Dass Perner ein Gegengutachten hat, das höre ich jetzt zum ersten Mal.“ Der ehemalige Biathlet behauptet, es würden keine Beweise existieren, höchstens Indizien. „Indizienprozesse sind nichts Außergewöhnliches. So viel ich weiß, hat Perner beim CAS gegen die Sperre nie berufen.“


U-Haft geht zu weit

Sportstaatssekretär Reinhold Lopatka verteidigte gestern zwar das heimische Anti-Doping-Gesetz, kündigte allerdings einen härteren Kampf gegen schwarze Schafe an. Das Gesetz ist hart genug, aber die Bestimmungen werden wir verschärfen.“ Neu regeln will man alles im Arzneimittelgesetz. Damit könne man das Umfeld eines Sportlers strafrechtlich belangen. Oder auch Falschaussagen. „Ich betone: Das schwächste Glied ist der Sportler. Und ich will nichts kriminalisieren. Der Doping-Kampf ist eine Gratwanderung.“

Bei der Novelle des Arzneimittelgesetzes wird auch Arnold Riebenbauer mithelfen. Der Richter plädiert dafür, „Doping auf das Niveau eines Betrugtatbestandes zu bringen.“ U-Haft aber geht Lopatka „zu weit“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2008)