"(Wilde) Mann mit traurigen Augen" im Schauspielhaus inszeniert

Schauspielhaus (Ruth Ehrmann)
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Kleiner Weltuntergang an der Lau, hinterlistig und flott dargeboten.

Das Spiel ist schon eine Weile zögerlich zu Gange. Da öffnet sich unverhofft eine einsame Tür hoch oben in der Brandmauer auf der Rückseite der Bühne, ohne ersichtlichen Zugang. Drin in einer Nische sitzt versonnen wie eine Monade der Musiker Al Cook alias Vater Wolfgang Flick und zupft voller Verlorenheit auf seiner Gitarre einen Blues. Das ist einer der bezaubernden Momente im kurzen Drama „(Wilde) Mann mit traurigen Augen“, das am Sonntag im Wiener Schauspielhaus Premiere hatte.

Händl Klaus war nach der Uraufführung seines Stücks beim „steirischen herbst“ 2003 (Regie: Sebastian Nübling) als Nachwuchshoffnung bekannt geworden. Die Inszenierung in Wien zeugt nun zumindest von der Haltbarkeit des Textes, der von Regisseurin Susanne Lietzow und einem jungen Ensemble mit Witz und voller Spiellust interpretiert wurde. Allerdings bleibt das Unheimliche, das zwischen den Zeilen lauert, bei der eineinviertel Stunden dauernden Ausführung dieses Dramas ein wenig verborgen, was bedauern kann, wer das Klaustrophobische bei Nübling schätzte.

Zu früh ausgestiegen

Warum denn hat der Mann, um es platt zu fragen, so traurige Augen? Nun, Gunter aus Bleibach (Stephan Lohse) ist in eine absurde Situation geraten. Der „Arzt ohne Grenzen“ war auf dem Heimweg von einem Einsatz in Moldawien zu früh aus dem Zug gestiegen. Wie schlecht es laufen kann, wenn man „einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke“ gefolgt ist, weiß man seit Kafkas Erzählung „Ein Landarzt“. Jetzt hat Gunter auch noch den Anschluss verpasst. Er schleppt sich mit einem Koffer über die weiße Bühne (Kristin Weißenberger), die wie eine Halfpipe gebaut ist. In diesem Halbrund stehen Krankenbetten und leere Plastikwasserflaschen.

Das Blut spritzt fröhlich hoch

Es ist heiß, Gunters Lederjacke ist zu dick, schon kommen zwei Halbstarke in kurzen Hosen; Hanno (Vincent Glander) und Emil (Steffen Höld), die höflich reden, von denen aber sofort eine Bedrohung ausgeht. Sie bitten Gunter zu bleiben und machen sich über seine Sachen her – die Jacke, den Koffer, die Uhr, eine „Stratos“, die den Funkkontakt verloren hat. Die Brüder tragen Kanister mit sich. Offenbar herrscht Wassermangel in Neumünster an der Lau, offenbar ist dort gerade Weltuntergang. Strom gibt es auch nicht mehr.

Zeit für eine kleine Apokalypse also außerhalb der Normalzeit: Das Krankenzimmer kommt in Betrieb. Bald ist es nicht mehr so klinisch rein wie beim ersten Blues, den Al Cook gespielt hat. „Have no friends“, singt er inzwischen. Der Arzt kämpft gegen Tuberkulose, sein Koffer ist voller kontaminierter Fetzen. Die Brüder, die ihn zuvor gezwungen haben, ihren Vater zu verprügeln, nötigen Gunter auf ein Bett mit ihrer Schwester Hedy (Nicola Kirsch). „Lassen Sie mich nicht allein!“, fleht sie. An dieser jungen Krankenschwester vollführt der Durchreisende, der nun bleiben muss, seltsame Untersuchungen und Operationen. Aus der Ferne horcht er ihre Lunge ab. Die lebensbedrohliche Diagnose: „Pneumothorax!“ Ein kleiner Stich knapp vorbei, und das hellrote Blut spritzt aus Hedys Oberkörper fröhlich hoch, ohne dass sie erkennbaren Schaden erleidet.

Diese skurrile Szene wird von Lohse und Kirsch wunderbar leicht gespielt, mit einem kaum wahrnehmbaren Anflug von Trauer. Dieser dunkle Rand aber macht den Reiz des Stückes aus, das in melodischen Schleifen banale Sätze unheimlich werden lässt. „Bleiben Sie, bitte!“ ist die ultimative Drohung der Familie Flick. Am Schluss, nachdem es bereits dunkel geworden ist, erklingt der Blues des ansonsten stummen Vaters. Sein Lied hat kaum Tröstendes. Das muss auch so sein bei diesem konzisen Kammerspiel. Das Schauspielhaus hat erneut bewiesen, dass es für hohe Qualität sorgen kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2008)

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