Wie man den Crash überlebt

(c) REUTERS (Paulo Whitaker)
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Börsenfiasko. Wie Anleger, die jetzt noch Aktien haben, die Krise halbwegs unbeschädigt überstehen und warum sie künftige Börsencrashes besser aus der Ferne anschauen sollten.

Der Börsencrash der vergangenen Wochen hat viele Anleger unvorbereitet getroffen. Hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen:

1Warum fallen die Aktienkurse derzeit so stark?Nach mehreren Jahren mit steigenden bis stark steigenden Kursen waren Aktien in einigen Weltgegenden – beispielsweise in China, aber auch in Österreich – schon sehr ambitioniert bewertet. Eine kleine, gesunde Marktkorrektur wäre also überfällig gewesen. Das erklärt aber noch nicht den globalen Börsencrash, den wir in den vergangenen Wochen gesehen haben. „Sargnagel“ für die Kurse war die drohende globale Wachstumsabschwächung (samt wahrscheinlicher US-Rezession) im Gefolge der US-Subprime-Krise.

An der Börse werden genau genommen Gewinnerwartungen gehandelt. Das bis vor kurzem rosige Weltkonjunkturszenario war also in den hohen Kursen „eingepreist“. Erweisen sich diese Gewinnerwartungen, wie jetzt, als ziemlich überzogen, dann müssen die Aktienkurse reagieren. Wenn dann auch noch, wie zuletzt, Verkaufspanik ausbricht, ist der Börsencrash perfekt.

2Hilft die Zinssenkung in den USA den Aktienmärkten?Normalerweise ja. Niedrige Zinsen machen Aktien im Anlageuniversum attraktiver. Dass die US-Börsen auf den riesigen Zinsschritt der Notenbank Fed am Dienstag trotzdem eher zurückhaltend reagiert haben (zum Auftakt gab es weitere Kursverluste) hat mehrere Gründe. Zum einen weiß noch niemand, wie groß die durch die Verbriefung von „faulen“ Subprime-Krediten ausgelöste Welt-Finanzkrise wirklich ist und wie stark sie auf die Realwirtschaft durchschlagen wird, zum anderen ist die Zinssenkung außertourlich, wenige Tage vor einer regulären Zinssitzung der Fed erfolgt. Das signalisiert dem Markt, dass auch die Notenbanker die Lage als sehr ernst einschätzen.

3Ist der Boden bald erreicht, kann man schon wieder einsteigen?Definitiv nein. Die Kurse sind zwar weltweit schon dramatisch gefallen. Aber alle technischen Indikatoren weisen darauf hin, dass es bis zur Talsohle noch eine Zeitlang bergab gehen wird. Auch wenn ein amerikanischer Analyst gestern tröstlich gemeint hat, man sei jetzt jedenfalls schon „näher beim Boden als bei der Spitze“. Dazwischen wird es natürlich technische Gegenbewegungen geben. Eine solche könnte durchaus durch die gestiegene Zinssenkung ausgelöst werden. In dieser Phase sollten sich allerdings nur versierte, kurzfristig orientierte Day- und Swingtrader auf den Markt wagen. Wer gewohnt ist, Aktien länger als ein paar Wochen zu halten, hat mit dem Einstieg noch Zeit.

4Sind Aktien durch den starken Kursverfall „billig“ geworden?Nicht unbedingt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), ein viel benutztes Maß für die „Preiswürdigkeit“ einer Aktie, hat derzeit nur eingeschränkte Aussagekraft. Zwar sind die ausgewiesenen KGVs durch den drastischen Kursverfall stark gesunken. Das „G“ im KGV (also der Gewinn pro Aktie) bezieht sich freilich noch weitgehend auf die sonnigen Gewinnprognosen aus der Vor-Flauten-Zeit. Wenn die Gewinnerwartungen, wie das jetzt vielfach geschieht, auf die neue konjunkturelle Situation nachjustiert werden, sieht die Sache meist wieder ganz anders aus. Und aus der „billigen“ Aktie mit niedrigem KGV wird plötzlich auch auf dem gedrückten Kursniveau wieder ein Stück mit Liebhaberpreis. Wer die Arbeit der Aktienanalysten verfolgt, hat bemerkt, dass dieser Prozess gerade in vollem Gang ist und die Kursziele zahlreicher Papiere in den vergangenen Tagen dramatisch zurückgenommen wurden.

5Was sollten Kleinanleger jetzt unternehmen?Nichts. Wer jetzt noch drin ist, hat den Absprung versäumt. Natürlich kann man versuchen, die letzten Meter Talfahrt auszulassen und dann am Tiefpunkt (was aber kaum jemandem exakt gelingt) wieder einzusteigen. Dazu ist freilich intensive Marktbeobachtung notwendig. Allerdings: Selbst in diesem Fall sollte man nicht mitten in der Panik abspringen, sondern die sicher kommende technische Gegenbewegung abwarten. Das bringt entschieden mehr Schadensbegrenzung.

6Welche Lehren ziehen Kleinanleger aus dem Schlamassel?Die wichtigste: „Buy and Hold“-Strategien sind eine gehobene Form der Geldvernichtung. Aktien kaufen und einfach liegen lassen funktioniert nur in Jahren mit starken Aufwärtstrends. Wird der Markt volatil oder geht es gar zügig bergab, dann schmelzen die vorher erzielten Gewinne dahin wie Schnee in der Aprilsonne. Das Postulat „Aktien sind eine langfristige Anlageform“ stimmt eben nur bedingt. Natürlich sollte man Aktien mit einem mehrjährigen Anlagehorizont kaufen. Aber bereits beim Kauf „Exit“-Strategien festlegen. Und diese auch dann konsequent einhalten, wenn seit dem Kauf erst Wochen oder Monate vergangen sind.

Selbst dann, wenn man noch gar keine Gewinne gemacht hat. „Große Verluste kann man nur vermeiden, wenn man kleine akzeptiert“, lautet eine der wichtigsten Börseregeln. Das heißt: Strikte „Stopp Loss Limits“ festlegen (das sind Kursgrenzen, bei deren unterschreiten automatisch verkauft wird) und diese bei Kurssteigerungen auch konsequent nach oben mit ziehen.

Um solche Abwärtstrends rechtzeitig zu erkennen, sollten sich Anleger freilich zumindest mit dem Einmaleins der technischen Analyse und deren wichtigster Instrumente vertraut machen. Technische Handelssignale sind zwar nicht immer akkurat, aber es ist wesentlich besser, einmal zu oft zu verkaufen, als in den Börsenkeller zu fahren und dort schwere Vermögensverluste zu beweinen.

Information über die Unternehmen, an denen man beteiligt ist, ist überhaupt das Um- und Auf des Börsenerfolgs. Über den fundamentalen Zustand der Unternehmen bekommt man ausgezeichnete Informationen aus den von Banken erstellten Analysen. Man muss nur eines sofort vergessen: Die darin enthaltenen Handelsempfehlungen. Wer die sklavisch einhält, hat in schwierigen Börsezeiten Pech.

Das Ganze ist zeitaufwendig, aber unvermeidlich. Außer, man überlässt das Portfoliomanagement anderen und kauft einen Fonds. Auch keine schlechte Idee.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2008)

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