Für einen Moment nur in den R3

Wer tagtäglich x gegen unendlich gehen lässt, den lassen die endlichen Güter kühl.

Vor 160 Jahren wurde Bernard Bolzano geboren, dem wir u.a. den Satz von Bolzano-Weierstraß verdanken; vor 90 Jahren starb Georg Cantor, Begründer der Mengenlehre. Ich erwähne sie hier, weil sie von den 20 namhaften Mathematikern, deren Daten ich in Wikipedia nachgesehen habe, die einzigen beiden sind, deren Geburts- oder Todesjahr einen Achter an der Einserstelle trägt.

Wenn das kein Zufall wäre, dann würde ich es als weiteres Indiz für die konstitutionelle Bescheidenheit der Mathematiker werten. An dieser liegt es wohl auch, wenn Ihnen noch gar nicht aufgefallen sein sollte, dass heuer „Jahr der Mathematik“ ist. Das deutsche Bildungsministerium hat es ausgerufen, und da kann man sich als Österreicher ausnahmsweise bedenkenlos anschließen.

In der Tugend der Bescheidenheit jedenfalls sind die Mathematiker sogar den Philosophen überlegen: Ein Philosoph verweist einen barsch aus der Sonne, ein Mathematiker bittet nur um Rücksicht auf seine Kreise.

Und warum sind sie so bescheiden? Warum kann man sich keinen Mathematiker vorstellen, der mit einem Hummer protzt, keine Mathematikerin mit Nerz ums Herz? Weil sie's nicht nötig haben. Wer einer Kaffeetasse bei der ersten Begegnung ansieht, dass sie einem Doughnut homöomorph ist, wer tagtäglich x gegen unendlich gehen lässt, wer die Worte „fast alle“ nonchalant mit „alle bis auf endlich viele“ übersetzt, den lassen die endlichen Güter kühl.

Das bestätigt, was der in Klosterneuburg geborene, in Wien, Oxford, Princeton und Harvard zu Ruhm gekommene Mathematiker Martin Nowak unlängst über Harvard erzählte. Auch dort nämlich zählen nur 15 Prozent der Mathematikstudenten wirklich zur Weltspitze, beruhigte Nowak die neidischen Wiener. „Aber die restlichen 85 Prozent werden sehr wichtig genommen! Vielleicht wichtiger als die Superbegabten, von denen man weiß: Die werden eh nie was, zumindest keine Industriellen, keine ,big spender‘ (wie sie die auf Spenden angewiesene Harvard University braucht). Die sind zu gut, die bleiben Mathematiker...“


Den ,esprit mathématique‘ erklärt er als die Fähigkeit, von jeder Erscheinung die Umkehrmöglichkeit zu sehen“, schrieb Peter Handke im „Gewicht der Welt“ über einen Mathematiker, „und zweitens als die Fähigkeit, jede Folge von Operationen zu minimalisieren, also zu versuchen, welche Operation in einer Reihe wegfallen kann und welche noch, um immer dasselbe Ergebnis zu erreichen (schon sein kleiner Sohn habe diesen ,esprit‘: ,Warum kann der Tisch nicht auf drei Beinen stehen; warum nicht auf zwei...?‘).“

Dazu kommt, glaube ich, das unbändige Verlangen nach Allgemeinheit, Allgemeingültigkeit. Unser Mathematik-Lektor Mück – um über noch einen braven Mann zu erzählen – liebte diese so sehr, dass er, wenn er sich vor der Tafel z.B. in die Infinitesimalrechnung vertiefte, das grundsätzlich im Rn, also im n-dimensionalen Raum, tat. Nur selten blickte er auf: „Der Anschauung zuliebe“, sagte er nachdenklich und ließ eine Kunstpause von zwei Sekunden folgen, „nur der Anschauung zuliebe begeben wir uns für einen Moment in den R3.“

Dort (und nur dort) ist das Vektorprodukt definiert, und dort (aber nicht nur dort) hießen wir ihn jedes Mal herzlich willkommen.


thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2008)

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