Art Basel: Neo-Direktorin Cay Sophie Rabinowitz auf Kurzbesuch in Wien.
Daran habe sie wirklich nicht gedacht, versichert Cay Sophie Rabinowitz völlig überrascht. Dass jetzt irgendjemand hergeht, sich schnell in Wien das neue „Parabol“ besorgt – und die darin enthaltene Künstlerauswahl der neuen Direktorin der wichtigsten Kunstmesse der Welt für ein Marktversprechen hält. „Ich würde auch sicher keine Kontakte weitergeben!“, reagiert die studierte Philosophin und Literaturwissenschaftlerin irritiert. Als würde der Kunstmarkt nichts mehr lieben als Auswahl, als Listen, als Rankings.
Doch genau an diese unprofessionellen Banalitäten möchte die langjährige Herausgeberin der Schweizer Kunstzeitschrift „Parkett“ nicht denken. Schon gar nicht wollte sie das Mittwochnacht, im neuen Wiener Ausstellungsraum Weißes Haus, wo die Designagentur „Section d“ ihr neues Parabol-Kunstmagazin vorstellte – bereits die dritte reguläre Ausgabe dieses extrem unpraktischen, weil extrem riesigen (570 mal 420mm) Ausnahmeprodukts. Nach Daniel Baumann und Ami Barak gestaltete diesmal Rabinowitz das Heft: „Max Haupt-Stummer hat mich gefragt, bevor ich als Art-Basel-Direktorin nominiert wurde“, erklärt die Amerikanerin bei ihrem kurzen Wien-Besuch.
Die „teilnehmende Beobachterin“
Wie für eine Ausstellung hat sie neun Künstler und Künstlergruppen für das Magazin ausgesucht: Ellen Birrell, avaf, Carolina Caycedo, Christian Jankowski, Dane Mitchell, Aura Rosenberg, Collier Schorr, Humberto Vélez, Hsuan Hsuan Wu. Alle hat sie auf Reisen kennengelernt, alle sind sie so Teil von Rabinowitz' Identität geworden bzw. spiegeln diese wider. Es ist kein leicht zugänglicher Ansatz, den die Kuratorin, die sich als solche nicht verstanden wissen will, hier vorlegt. Aber er ergab sich aus ihrer erprobten Rolle als „Participant Observer“ in der Kunstwelt, dem aus der Psychologie bekannten teilnehmenden Beobachter. So kam es etwa, dass ihr Besuch bei Künstler Humberto Velez dazu führte, dass sie sich als Majorette einer Art Samba-Blaskapelle in Panama City wiederfand, um die wiederum ein Kunstprojekt von Velez' kreiste. Noch dazu besteht ein Konnex zu Rabinowitz' Kindheit im Süden der USA, wo sie mit ihrem Vater regelmäßig Marschparaden besuchte.
Nur als „Participant Observer“ kann man sich die sehr bedachte Intellektuelle auch in ihrer Funktion als neue Art-Basel-Chefin vorstellen. Zu konträr ist ihre Art zu ihrem fast jovialen Vorgänger Sam Keller. Voriges Jahr wurde sie als Teil eines neuen Direktoren-Dreierteams (mit Marc Spiegler und Annette Schönholzer) angekündigt. Jetzt ist klar, dass sie davon die Spitze stellt. Ein „Haufen Arbeit“ und eine Verantwortung, auf die sie sich freut und die sie auch wirklich wahrnehmen möchte. Grobe Änderungen sind erst einmal nicht zu erwarten: „Man kann nicht sofort sagen, jetzt mache ich alles anders. Es gibt kein ,ganz anders‘.“
Verstärken will sie erst einmal die Funktion der „Art“ als Wissensbörse – mit neuen Workshops erfahrener Galeristen für jüngere Kollegen. Denn das Hoch am Markt hat neben dem Plus der größeren Freiheit auch seine Schattenseite: „Künstler und Galeristen müssen sich selbst Grenzen setzen“, meint Rabinowitz. Sie müssen sich fragen, ob es vielleicht nicht immer das Beste ist, alles zu verkaufen und auf Druck der Galerien zehn Mal im Jahr neue Werke für Messen zu produzieren. „Das ist der Grund, warum ich diesen Job übernommen habe: In dieser Zeit muss von innen eine Ethik kommen und nicht nur Kritik von außen. Auf ethische und ernsthafte Weise kann man mit der Situation des Marktes umgehen.“
ZUR PERSON, ZUM MAGAZIN
Cay Sophie Rabinowitz (*1965) leitet seit Jänner die „Art Basel“, weltweit wichtigste Kunstmesse. Zuvor war sie US-Herausgeberin des Schweizer Kunstmagazins „Parkett“.
Das dritte „Parabol“-Magazin („the you-as-me issue“) wurde von Rabinowitz kuratiert. Es ist um 25 in ausgewählten Museumsshops, Buchhandlungen erhältlich. www.parabol.org
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2008)