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Geschichte: „Eine Art Guerilla-Historiker“

Eine „Wiener Vorlesung“ vor über 1000 Hörern galt Eric J.Hobsbawm, dem neuen Wiener Ehrenbürger.

„Wir wissen nicht, wohin wir gehen. Wir wissen nur, dass uns die Geschichte an diesen Punkt gebracht hat, und wir wissen auch, weshalb...“ So begann der letzte Absatz von Eric J.Hobsbawms Jahrhundertwerk „Das Zeitalter der Extreme“. Das war 1995, wenige Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, und das war keine übertriebene Bescheidenheit.

Eher im Gegenteil. Denn die Wende der Jahre 1989 bis 1991 hatte nicht nur marxistische Historiker in Erklärungsnotstand versetzt: Das hatte keiner vorausgesagt. Und das zerstörte den letzten Rest von Glauben an den „unaufhaltsamen Marsch der Arbeiterbewegung“, den Engels einst gepriesen hatte und der „erstaunlicherweise sogar die Niederlage im Faschismus überlebt hat“, wie Jürgen Kocka (Freie Universität Berlin) in seiner Laudatio auf Hobsbawm festhielt.

Dieser habe an der Unaufhaltsamkeit des Marsches schon früher gezweifelt, meinte Kocka – und erinnerte an den Aufsatz „The Forward March of Labour Halted?“ (1978). Um den Verlust der zentralen Rolle der Arbeiterklasse ging es damals, und um die Politik der Gewerkschaften im England der Siebzigerjahre. Hobsbawm hielt die vielen Streiks für ein Zeichen der Schwäche, nicht der Stärke, er sollte recht behalten.

Was bleibt nach der Wende von der marxistischen Geschichtsauffassung, der Hobsbawm bis heute ausdrücklich verbunden ist? Hier wählte Kocka auch für nicht-marxistische Denker (wie sie im prall gefüllten Rathaus-Festsaal wohl zahlreich saßen) berührende Worte: Es bleibe „der Blick auf Menschen, die nichts Besonderes sind, deren Namen nur in den Geburts- und Sterberegistern stehen. Und die Überzeugung, dass jede lebenswerte Gesellschaft auf diese Menschen zugeschnitten ist.“


„Von selbst wird die Welt nicht besser“

Ernst Wangermann (Uni Salzburg) sprach bitterer vom „Verlust der Zuversicht“. Die „Historians Group“, in der Hobsbawm begonnen hatte, habe den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus analysiert, um daraus für den Übergang zum Sozialismus zu lernen. Nun stehe die Analyse des Scheiterns des („realen“) Sozialismus an... Bei Hobsbawm, der die Geschichte das „Herzstück des Marxismus“ nannte, sei jedenfalls das historische Werk nicht von der politischen Ausrichtung zu trennen. – Sehr wohl dagegen von den modischen „turns“ (vom „cultural“ über den „sociological“ bis zum „spatial turn“), mit denen vor allem die Kulturwissenschaftler gern spielen.

Wie Gerhard Botz (Uni Wien) dann doch irgendwie versuchte, Hobsbawm in ein Schema von „turns“ einzuschreiben und ihn „generationell“ zu verorten (um die passenden Verben zu verwenden), mutete seltsam an.So wie Botz' Verwunderung darüber, dass der aus „jüdischem Bürgertum“ stammende Hobsbawm Sympathien für die Arbeiterbewegung entwickelt habe – als ob nur streng proletarische Abkunft zu linken Gedanken befähige!Hobsbawm erwiderte trocken, seine bürgerliche Herkunft sei „rein einseitig“, nur väterlicherseits; im Übrigen habe er sich recht planlos „vom Strom eines vom Zufall und den Umständen gestalteten Lebens treiben lassen“.

Ein Strom also, kein Marsch. Dazu, in Hobsbawms Kommentar zu all dem Lob, eine verschmitzte Selbstdefinition des frisch ernannten Wiener Ehrenbürgers, gehalten in der Bilderwelt seines Frühwerks („Die Banditen“, „Sozialrebellen“): „Ich möchte mich am liebsten als eine Art Guerilla-Historiker sehen, der mit der Kalaschnikow der Ideen seitwärts aus den Büschen schießt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2008)