Kokoschka: Leben malen, jetzt, in dieser Sekunde

The Museum of Modern Art
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Das Wiener Belvedere startet eine Ausstellungstrilogie: frühe Wandlung vom träumenden Knaben zum Enfant terrible.

Täglich, eine Woche lang, kam das wildeste Talent der Wiener Kunstszene im Dezember 1909 ins Haus des renommierten Kunsthistorikerpaars Tietze in Heiligenstadt. Der „Oberwildling“, wie Kritiker Ludwig Hevesi Oskar Kokoschka damals bezeichnete, setzte sich in ein dunkles Eck der Bibliothek und begann, das sich fast ungestört fühlende Paar zu malen. Gegen das Licht. Erst mit dem Pinsel. Dann mit den Fingernägeln. „Er kratzte wundervolle Linien mit seinen Fingernägeln in den Grund“, erinnert sich Erica Tietze-Conrat in einem Aufsatz, abgedruckt in einem erst kürzlich publizierten Schriften-Doppelband der später emigrierten Wiener Kunsthistoriker Hans und Erica Tietze. Sie sahen ihr Porträt erst, als es fertig war. Und liebten es sofort. Wollten es trotz Künstlerflehens nicht verleihen, nicht einmal fotografieren lassen.

Ihre Handpaare bilden eine Art Brücke, die Energie zwischen ihren Fingern, die sich doch nie berühren, scheint zu vibrieren. Im unglaublich irisierenden, auratischen Farbfeld rundherum finden sich dann die berühmten Kratzspuren. Eine Technik, mit der schon Edvard Munch, von Kokoschka hoch verehrt, experimentiert hatte. Die feinen Zeichnungen sind als Berge, Strahlen, abstrakte Raster und Nervengeflechte zu entziffern – Letztere interessierten Kokoschka besonders, erklärt Walter Weidinger, Kurator der Ausstellung zu Kokoschkas Frühwerk im Belvedere. Er habe sich Funktion und Aussehen von einem Arzt genau erklären lassen.

Ausstellungsreigen ohne Jubiläum

Das Tietze-Doppelporträt, geliehen aus dem New Yorker Museum of Modern Art, ist ein Hauptwerk aus Kokoschkas früher expressiver Phase. Und ein Höhepunkt der Ausstellung, die mit 145 Werken aus den frühen Jahren 1906 bis 1922 im Unteren Belvedere das einleitet, was man als unverhofften Kokoschka-Segen bezeichnen könnte: Nach dem Belvedere zeigt – ohne Jubiläum, mehr zufällig – die Albertina das weniger geschätzte Spätwerk des 1980 verstorbenen österreichischen Malers. Und parallel dazu dokumentiert das Lentos in Linz die Zeit, als Kokoschka von den Nazis als entartet angeprangert und vertrieben wurde. Für die Besucher eine einmalige Chance, den vor allem in Österreich zu wenig bekannten Dritten im Bunde mit den Großen Klimt und Schiele besser kennenzulernen. Zehn Jahre ist es her, dass im Belvedere das Werk aus Kokoschkas Dresdner Zeit gezeigt wurde. Noch länger her ist die Retrospektive im Kunstforum (1991). Und 2002 hätte man nach New York, in die Neue Galerie fahren müssen, um fast alle „nervenirrsinnigen“ Porträts aus Kokoschkas radikaler, aufwühlender Frühzeit zu bewundern.

Derart vollständig konnte das Belvedere sie nicht zusammentragen. Dafür sind die Wurzeln des jungen, extrem selbstbewussten Genies gut illustriert, seine Einflüsse und Abarbeitungen an der Kunstgeschichte anschaulich und spannend aufgearbeitet: von den Jugendstil-Anfängen in Kunstschule und Wiener Werkstätte bis zu seinen Vorbildern Rodin, Munch, van Gogh und Romako. Gustav Klimt erkannte glasklar das Talent Kokoschkas, der ihn, den Lehrer und stärksten Konkurrenten am steilen Weg zum „besten Maler der Welt“, kurz darauf verraten sollte: mit einer Persiflage des berühmten „Kusses“ in einem grausigen Pietà-Plakat.

Zu dieser Zeit hatte schon Adolf Loos Kokoschka unter seinen Fittichen, hatte die Rolle übernommen, die sein Architektenkollege Otto Wagner gegenüber Egon Schiele einnahm. Loos führte den provokant keusch auftretenden Künstler in den Kreis rund um Karl Kraus ein, vermittelte ihm Porträtaufträge, löste ihn von der Wiener Werkstätte, brachte ihn schließlich nach Berlin, wo er wesentlich das Erscheinungsbild des Expressionisten-Sprachrohrs „Der Sturm“ prägte.

Nerven wie Tätowierungen

Kokoschkas dort publizierte Federzeichnungen zu seinem Geschlechterkampfdrama „Mörder, Hoffnung der Frauen“ wirken heute so zeitgenössisch, dass es einen nur so staunen macht: brutal und ziemlich spooky weisen die Körper des ringenden Paares Nervenstränge wie Tätowierungen auf, die Kokoschka im Völkerkundemuseum an polynesischen Masken studiert hatte, wie er in seiner Autobiografie festhielt – „weil ihm selbst auch immer alles wehtat“. Das Leben selbst wollte Kokoschka festhalten, in der Minute, in der Sekunde. Zu Maria Lassnigs Körperempfindungen ist es da nicht weit. Und auch nicht weit zu den Porn-Chic-Zeichnern, die sich in den vergangenen Jahren häuften. Von Cronenbergs Tätowierungsfetischismus in seinem neuesten Film „Tödliche Versprechen“ gar nicht erst zu reden.

Gegen Ende lässt die Belvedere-Schau allerdings etwas nach: Kokoschkas Manie rund um seine zutiefst unglückliche Liebe zu Alma Mahler wird mehr angedeutet als nachfühlbar gemacht. Da tröstet auch die Nachbildung des grotesken Puppenfetischs wenig – „Puppenerotik“ war zu dieser Zeit sowieso nicht völlig fremd. Vor allem aber fehlen Schlüsselwerke wie das Doppelporträt als Paar, das „Selbstporträt mit Puppe“ oder die „Frau in Blau“. Und wer die Biografie nicht genauer kennt, gelangt – abgespeist nur mit den Bilddaten – auch mit den vorhandenen Exponaten nicht viel tiefer: Wer kann schon ahnen, was Kokoschka im „Stillleben mit Putto“ verarbeitet, wenn nirgends zu lesen ist, dass Alma 1914 ein gemeinsames Kind abtreiben ließ. Er hat es ihr nie verziehen.

ZU PERSON UND AUSSTELLUNG

Oskar Kokoschka wurde 1886 in Pöchlarn geboren, starb 1980 in der Schweiz. Er gilt als immer noch unterbewerteter Dritter im Bund mit den Großen Schiele und Klimt. Rund um seinen Nachlass wird prozessiert.

Die Ausstellung im Unteren Belvedere umfasst Kokoschkas Frühwerk, die Jahre 1906 bis 1922. Bis 12.Mai, tägl. 10–18 Uhr, Mi. 10–21 Uhr. Katalogbuch 38€.
[Kokoschka bei seinem letzten Belvedere-Besuch 1971; Foto: Peter Baum]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2008)

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