Von der „positiven Körpersprache“ ist es zur lächerlichen Pose nicht weit: Die gereckte Faust im Tennis.
Das hätten sich die alten Granden im Tennis wie Laver, Rosewall, Ashe und Co, nie träumen lassen, dass in ihrem inzwischen eher bunten denn weißen Sport dereinst das Faustrecht regieren würde. Ganz so, als wollten nicht nur Stars, sondern auch Starlets und Sternschnuppen zeigen, über welch Punch sie verfügen, wird nach jedem gelungenen Schlag die linke oder rechte Faust gereckt, als hätte man den Gegner am „Punkt“ getroffen.
Was mit Jimmy Connors, dem ersten jungen Wilden, der sich damit aufgeputschte, begonnen hatte, wurde mit einem Gladiator wie Boris Becker zum Kult, obschon er ihn nur sparsam einsetzte – dann, wenn es um Big Points oder entscheidende Ballwechsel ging. Und zu einem wie Bumm-Bumm, der Asse aus dem Ärmel beutelte, hatte die Faust auch gepasst wie Vokabular à la „Becker-Hecht“ oder „Becker-Blocker“ beim Return, dem klassischen Konter, den er auspackte wie ein Boxer. Becker wurde zum personifizierten Beweis, dass Tennis so ähnlich ist als sublimierter Schlagabtausch mit Racket, Ball, Raffinesse und absoluter Power.
Aber was bei Becker noch Ausnahme war, ist mittlerweile zur Inflation geworden, die manchmal linkisch bis lächerlich wirkt, mitunter, was den Spielverlauf betrifft, gar wie die berühmte Faust aufs Aug. Da kann manch TV-Kommentator noch so euphorisch von positiver Körpersprache schwärmen, die Willen signalisiert – wo Klasse zu kurz kommt, geht der Wille nicht fürs Werk. Was nützt die schönste Faust, die zur falschen Zeit geballt war, was der martialische Blick junger Tennis-Beauties, der töten soll, wenn man am Ende doch nur als Fäustling oder gar Däumling da steht mit leeren Händen und dem Bummerl, das man kassiert? Weil dem so ist und echte Stars sich von Möchtegerne abheben wollen, suchen sie sich neues Macho-Gehabe wie der Serbe Djokovic, der die Faust neuerdings nicht nur benützt, sie zu ballen, sondern sich damit an die Brust zu klopfen, als wäre er ein Catcher im Wrestling-Ring oder gar Gorilla im Grand-Slam-Käfig, der sagt: Seht her, nur ich kann der Novak sein!
So ist es, wenn sich mit der Zeit die Sitten und Bräuche auch in einem Sport ändern, in dem heute Tradition ist, was vorgestern nicht nur im „heiligen“ Wimbledon tabu war. Mit der kuriosen Ausnahme, dass im Gegensatz zu den Power-Girls Maria und Ana, die sich im Finale sicher „Faust-Kämpfe“ liefern, nicht nur Roger Federer, sondern auch Shooting-Star Jo-Wilfried Tsonga noch vom alten Schlag ist. Und die Faust erst ballen, wenn sie „Puncher“ à la Nadal in die Knie gezwungen haben. Wie Jo-Wilfried, der neue Ali des Tennis...
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2008)