Der Trader und der Börsenkrach

Warum die Darstellung der Société Générale wenig glaubhaft ist.

Ein kleiner Trader jongliert unerlaubterweise mit Kontraktvolumina von 50 bis 60 Milliarden Euro, ohne dass die Bank etwas davon bemerkt und macht dabei 4,9 Milliarden „Miese“: Wer diese Darstellung der Société Générale (SocGen) glaubt, glaubt auch an den Weihnachtsmann. In der Finanzbranche löst die Sündenbocktheorie eher müdes Lächeln aus.

Derivativ-Händler haben in allen Banken relativ strenge Limits zu beachten. Und diese Limits werden mit Hilfe von elektronischen Überwachungssystemen auch kontrolliert. Wenn ein „kleiner Händler“ sein Limit auch nur um ein paar Millionen Euro überzieht, dann steht schnell sein Vorgesetzter hinter ihm.

Natürlich kann man „Alarmanlagen“ auch ausschalten. Aber dazu braucht man Mitwisser. Und was sicher nicht geht ist, mit 50 Milliarden im Markt zu sein, ohne dass das den Kollegen auffällt. Das ist auch für große Banken, die große Räder drehen, keine Summe, die man der Kaffeekasse zuordnet.

Dazu kommt, dass bei großen Transaktionen mehrere Leute involviert sind. Der französische Wirtschaftsforscher und Bankexperte Elie Cohen sagte jedenfalls, die offizielle Darstellung sei „an den Haaren herbeigezogen“.

Teure Panikreaktion

Was jedenfalls fest steht: Ein Gutteil des Verlustes von 4,9 Mrd. Euro (rund drei Viertel davon) geht nicht auf das Konto des Händlers, sondern auf die Panikreaktion des Vorstandes, der nach Kenntnisnahme der Affäre zu Beginn dieser Woche alle Positionen schlagartig glatt stellte und damit einen veritablen Börsencrash in Deutschland (wo SocGen mit DAX-Futures stark investiert war) auslöste. Der sich dann, weil die Grundstimmung an den Märkten ohnehin schon sehr nervös war und nur wenige den wahren Grund wussten, panikartig um den Globus fortsetzte – und die amerikanische Notenbank Fed möglicherweise zu ihrer Not-Zinssenkung zwang.

Dass die Fed von den französischen Betrügereien nichts wusste, ist sogar glaubhaft, sie hat schließlich auf den Markt reagiert. Der aber war von den SocGen-Milliarden beeinflusst. Übrigens auch der Aufschwung der vergangenen Tage: Der hat auch damit zu tun, das sogenannte „Short-Seller“ nun gezwungen sind, sich massiv mit Aktien einzudecken.

Die Franzosen bauen bei ihrer Rechtfertigungsstrategie jedenfalls auf die verbreitete Unkenntnis der Finanzmärkte. Das zeigt ein kleines Detail: Am Donnerstag wurde kolportiert (und von großen, seriösen europäischen Medien unkommentiert weitergetragen), die Betrügereien seien auch deshalb nicht zu durchschauen gewesen, weil sie mit Hilfe besonders komplizierter „Plain Vanilla Optionen“ durchgeführt worden seien. „Plain Vanilla“ ist, wie schon der Namensteil „plain“ sagt, die einfachste Optionsform.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2008)

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