Äpfel, Linsen oder Marillen

Dieses Land braucht eine Obstdebatte. Steht die Feige noch immer unter Terrorverdacht?

Am Ende einer börsentechnisch und klimaprognostisch schwarzen Woche möchte ich zu den wirklich wichtigen Themen kommen: zur Politik der essbaren Pflanzen. Mir scheint, dass der gesellschaftliche Diskurs im Parlament zurzeit etwas stagniert. Wie gespalten ist die SPÖ in Familienfragen, wie dicht die ÖVP bei Ladenschlussgeboten? Und wo zum Teufel wächst die Opposition?

Österreich braucht, um wieder fit zu werden, eine Obst- und Gemüsedebatte. Wir im Feuilleton diskutieren gelegentlich über Schützengrabenthemen wie Senatorenprivilegien, die Sucht des Neoliberalismus oder die Genetik der Transsubstantiation. Selten hebt dabei einer von uns die Stimme. An diesem Freitagmorgen aber, als wir über das Obst-Ranking sprachen, drohte schließlich sogar die Wissenschaft mit Biotomaten aus dem benachbarten Laden; unsere Erdbeerfrau, mit Hildegard von Bingens Meinung über dieses unkeusche Gewächs konfrontiert, heulte los.

Ausgelöst hat unser Zerwürfnis ein geschätzter „Falter“. Klaus Nüchtern hat in seiner Kolumne Hoffnung erweckt, obwohl er völlig falschliegt. Er sprach eiskalt aus, was durch Pseudodebatten sträflich überlagert wird: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

Nüchtern behauptet dreist, dass „der Apfel und die Linse die Größten sind“. Der Apfel sei quasi die Linse unter den Obstsorten, die mindere Erbse wäre die Birne des Gemüses. Welch ein Irrtum! Oder wurde diese gemeine Unterstellung eines nur für oberflächliche „Falter“-Leser objektiv scheinenden Rankings absichtlich geschrieben? Jedermann weiß schließlich, dass die zarte Marille die junge Königin unter den heimischen Gewächsen ist, die dann, wenn die Fülle des Herbstes kommt, von der prallen Traube abgelöst wird. Birnen sind für ernsthafte Obstesser ohnehin nur in destillierter Form genießbar. Der gemeine Apfel, diese Kartoffel des Kleingärtners, stammt seit der Bibelübersetzung Martin Luthers von einem Problembaum. Und die verräterische Linse, seit Jakob in Verruf geraten, hat nicht ihresgleichen. Sie dient als Gericht für Spekulanten.

Das aber denken wir nur ungefähr an, ehe wir die Frühbeete bestellen, das Reis propfen. Inzwischen würden wir gern wissen, am besten vom Innenminister, welches Grünzeug staatsbürgerlich unbedenklich ist, welche Beere nachhaltig heimisch sein darf, ob die Feige noch immer unter Terrorverdacht steht. Dieses Land braucht keine Pisatests, sondern Feldforschungen, die uns die Phänomenologie der Obstfraktionen erschließen. Ist Gusenbauer ein Birnenmann? Was kommt bei Erbsenzähler Molterer in die Gemüsesuppe? Dürfen die Grünen Bananen essen? Hat welker Brokkoli den Haider so manisch-depressiv gemacht?

So viele Fragen. Der Bundespräsident schweigt wieder einmal. Wahrscheinlich ist er Himbeersafttrinker.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2008)

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