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Rugby mit Musik

„Wann immer ich ihn mit Maestro ansprach, verbesserte er mich auf ,Herbert‘.“ Seiji Ozawa über seinen Lehrer Herbert von Karajan, seinen Lehrer Leonard Bernstein – und wie ein gebrochener Finger sein Leben veränderte.

Seiji Ozawa, Sie sind der einzige Dirigent, der Schüler von Leonard Bernstein und Herbert von Karajan war. Aber ursprünglich wollten Sie Pianist werden. Was hat die Erfüllung dieses Wunsches verhindert?

Ich hatte einen Unfall beim Rugby. Ich war in einer englischen Privatschule. Üblicherweise spielte man Baseball, aber an dieser Schule Rugby. Ich begann als Nummer drei und wurde bald die Nummer acht, eine sehr wichtige Position. Mein Klavierlehrer, der das ganze Klavierwerk von Bach beherrschte und es zyklisch am Klavier und Cembalo aufführte, sagte mir, dass ich mich entscheiden müsse: Rugby oder Musik. Selbstverständlich entschied ich mich für Musik – und selbstverständlich hörte ich mit Rugby nicht auf.

Dann hatten wir ein ganz wichtiges Spiel und ich spürte, dass mir etwas passieren könnte. So war es dann auch, einige stürzten auf mich, ich brach mir einen Finger und musste ins Spital. Meine Mutter, mein Vater, meine beiden älteren Brüder waren wütend. Sie alle meinten, meine musikalischen Ambitionen seien damit zu Ende. Ich aber wollte keineswegs aufgeben und begann schließlich ein Dirigentenstudium, weil meine Lehrer fanden, dass es keinen japanischen Dirigenten gibt.

Ihre Karriere begann in Frankreich.

Ja, 1959 gewann ich den Dirigentenwettbewerb in Besançon, der war verbunden mit einem Stipendium in Tanglewood. Im Sommer 1960 fuhr ich dorthin, bekam den gut dotierten Kussewitzky-Preis. Nach dem Sommer fuhr ich nach Europa zurück, nach Berlin, zu Michiko de Kowa, der Frau des Schauspielers Viktor de Kowa. Sie wohnten in einem herrlichen Haus. Michiko de Kowa war eine Sängerin und hatte mich gern, war stolz auf meine bisherigen Erfolge und erzählte von der Möglichkeit, Schüler von Herbert von Karajan zu werden. Die finanziellen Mittel für dieses Stipendium stellte der damalige Berliner Bürgermeister, Willy Brandt, zur Verfügung.

In Berlin wurde ich auch Leonard Bernstein vorgestellt. Im Dezember bekam ich plötzlich eine Einladung von New York Philharmonic, von März an als Assistent von Bernstein eine Japan-Tournee des Orchesters zu begleiten. Viele sagten, Bernstein und Karajan hätten kein gutes Verhältnis, aber ich war nun einmal Schüler von Maestro Karajan. So zeigte ich ihm in seinem damaligen Hotel, dem Savoy, den Brief, und Karajan sagte nur: „Du gehst und kommst zurück!“ Ich fuhr daher im Februar 1961 nach New York und bereitete mit zwei weiteren Assistenten die Programme vor. Aus der Rückkehr nach Berlin wurde nichts, denn Bernstein wollte sich ein Freijahr nehmen und verpflichtete mich für weitere eineinhalb Jahre als Assistent. Erst dann konnte ich bei Karajan weiterstudieren.

Worin liegen für Sie die Unterschiede zwischen Bernstein und Karajan?

„Lennie“, wie wir Bernstein immer nannten, war ein typischer Amerikaner, aber in seinem Innersten sehr orthodox. Manchmal hatte er verrückte Ideen. Ich erinnere mich an eine Neunte Beethoven, die er in New York dirigierte, wo er für das Solistenquartett so langsame Tempi nahm, dass es fast unsingbar war. Ich sagte ihm das, auch weil mich die Solisten – und das waren sehr prominente – darum baten. Bernstein antwortete, dass er das bewusst gemacht habe, um den Wechsel der Harmonien besonders deutlich zu machen. Bei der Wiederholung des Konzerts nahm er ein etwas schnelleres Tempo, aber in Salzburg war es wieder so langsam wie beim ersten Mal in New York.

Bernstein war stets ein sehr ernsthafter Künstler. Viele wollten das nicht wahrhaben, sie sahen ihn immer nur springen. Er war auch ein bedeutender Komponist, ich habe alle seine Symphonien, die „Chichester Psalms“ und seine Serenade für Violine oft dirigiert.

Mit Karajan bekam ich bald eine sehr innige Beziehung, wir sprachen auch viel über unsere Familien. Er forderte mich auf, ihn Herbert zu nennen. Michiko und Viktor de Kowa nannten ihn Herbert, ich versuchte es auch ein paar Mal. Als ich ihn in Salzburg, in seinem Haus in Anif, besuchte, sagte ich ihm, dass es mir unmöglich ist, ihn mit Herbert anzusprechen, schon gar nicht am Telefon. Er sagte aber immer nur: „Versuch es!“ Wann immer ich ihn mit Maestro ansprach, verbesserte er mich auf „Herbert“. Bald wurde das zu einem Spiel zwischen uns beiden. Karajan wird immer als streng gesehen, aber zu mir war er sehr warmherzig.

Karajan hat Sie auch zur Oper gebracht?

Anfangs habe ich Oper nur konzertant gemacht, „Idomeneo“, „Fidelio“ und auf Wunsch eines Sängers in Toronto „Don Carlo“. Eines Tages sagte Karajan zu mir, ich müsse Oper auch auf der Bühne dirigieren, und lud mich zu einer Neuproduktion von „Così fan tutte“ mit Ponnelle bei den Salzburger Festspielen 1969 ein. Bis zu seinem Tod musste ich mit ihm die Programme für Berlin und Salzburg besprechen, und das war nicht einfach, denn er sprach ein für mich schwer verständliches Englisch.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Berliner Programm?

Natürlich, ich begann mit einem Stück für sehr großes Orchester von Alberto Ginastera, nach der Pause folgte die Erste Brahms. Zu meinen frühen Programmen zählte auch eine frühe Mozart-Symphonie, die ich später nie mehr aufgeführt habe, viel Hindemith und Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta. Das war eigentlich Karajans Stück, ich war dabei, wie er es in Berlin aufnahm. Eine Woche später führte er es im Konzert auf und sagte mir: „In zwei Jahren wirst du diesen Bartók dirigieren.“

Karajans Stärke war sein fantastisches Gedächtnis, er konnte sich an alles erinnern, was er wo und mit wem gemacht hatte, wer jeweils Konzertmeister war – und an alle meine Konzerte. Daher wusste er auch, was neu für mich ist. Im Rahmen einer Tour mit Boston Symphony dirigierte ich die Zehnte Schostakowitsch. Karajan hörte sie sich an, und am nächsten Tag frühstückte ich mit ihm im Hotel Kempinski. Ich spürte, dass er mir etwas sagen wollte, so war es dann auch. Bis ins Detail analysierte er, was er für gelungen und für weniger gut befand.

In der New Yorker Carnegie Hall dirigierte ich eine Brahms-Symphonie und Bartóks „Blaubarts Burg“. Auch hier war Karajan unter den Zuhörern. Am nächsten Tag gab es in der Juilliard School ein Vorsingen mit Kathleen Battle und Barbara Hendricks. Während er konzentriert zuhörte, schilderte er mir gleichzeitig seine Eindrücke von meinem gestrigen Bartók. Beim zweiten Satz der zweiten Brahms-Symphonie kritisierte er, dass ich zu viel ausdirigiert hätte: „Seiji, das ist dein Orchester, du bist kein Gast.“
Wem verdanken Sie mehr als Lehrer: Karajan oder Bernstein?

Bernstein sagte nur hie und da etwas, aber Karajan war ein richtiger Lehrer. Nach einer Ersten Mahler mit den Berliner Philharmonikern gab es ein Treffen mit dem Kritiker Hans-Heinz Stuckenschmidt und dem damaligen Orchestermanager Stresemann. Für einige Minuten kam auch Karajan dazu und rügte mich, dass ich zu viele Einsätze gegeben hätte, das sei bei seinem Orchester nicht notwendig.

Könnten Sie sich Ihre Karriere ohne Bernstein und Karajan vorstellen?

Ohne sie wäre vor allem der Anfang sehr schwierig gewesen. Georges Prêtre hätte nach Ravinia kommen sollen, hatte aber einen Unfall. Der Festivalleiter suchte nach einem Ersatz. Mein Manager antwortete, dass er keinen großen Namen zur Verfügung habe, und schlug mich vor. Der Festivalleiter lehnte ab und fragte Bernstein, und der sagte nur: „Seiji Ozawa.“ Innerhalb von fünf Tagen musste ich das Programm mit dem Debussy-Prelúde, dem Tschaikowsky-Violinkonzert mit Christian Ferras und der „Neuen-Welt“-Symphonie von Dvorák einstudieren. Ich kannte keines der Werke, hatte keine Partituren. Die bekam ich über die Sekretärin von Bernstein. Nach der Generalprobe kam der Festivalchef zu mir, um mir zu sagen, dass er mich zum Chef des Festivals machen wolle. Ich verstand das aber nicht, dirigierte das Konzert und wurde bei der anschließenden Party mit Champagner gefeiert. Anschließend fuhr ich nach Scheveningen für drei Konzerte, die mir Lennie vermittelt hatte, denn ich hatte kein Geld. Inmitten der Konzertvorbereitungen rief Lennie mich an und fragte mich, warum ich ihm nicht von der Pressekonferenz von Chicago Symphony erzählt hätte, wo man mich als neuen Musikdirektor des Ravinia Festivals vorstellen wollte.

Fünf Sommer bekleidete ich diese Position, ab dem zweiten war ich zusätzlich Orchesterchef in Toronto. Josef Krips wählte mich dann zu seinem Nachfolger als Chefdirigent des San Francisco Symphony Orchestra, daneben war ich zwei Sommer Chef in Tanglewood bei Boston Symphony. Damit war ich zwei Jahre lang für sämtliche europäische Engagements blockiert. Bei einem Gesundheitscheck riet man mir, diese Doppelbelastung aufzugeben. Ab diesem Zeitpunkt konzentrierte ich mich auf Boston Symphony und war damit wieder frei für Angebote in Europa.

Sie eröffnen mit dem Beethoven-Violinkonzert mit Anne-Sophie Mutter und Tschaikowskys „Pathétique“ den Karajan-Zyklus der Gesellschaft der Musikfreunde. Wäre das ein typisches Karajan-Programm?

Ich würde das nicht unbedingt so sagen, aber als ich Karajan zum ersten Mal mit der „Pathétique“ erlebte, war das ein großer Schock. Es war während meiner Studienzeit in Berlin Anfang der Sechzigerjahre. Erstaunlich, was er aus dem Orchester herausholte, einfach fantastisch. Das ist der Grund für meine Programmwahl. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2008)