Essl Museum. In memoriam Jörg Immendorff zeigt ihn ein Sammlerpaar als Hofmaler.
So recht wagt man seinen Augen nicht zu trauen, auch nachdem man die ironischen Pirouetten ausgemacht hat, die diesen ultimativen Kniefall des Künstlers vor seinem Sammler so galant begleiten. Auch über zehn Jahre nach seinem Entstehen kann man schwer fassen, was man in diesem Monumentalgemälde, das angeblich den Salon zeigt, in dem „Österreich ist“, serviert bekommt. So wie den penetrant duftenden Braten, den ein zum schlitzohrigen Maître degradierter, ehemaliger Wiener Museumsdirektor dieser schrägen Tafelrunde auftischt.
Durch den die Memoiren der Berta Zuckerkandl zitierenden Titel wird die sonst für ihre Bescheidenheit bekannte Baumax-Gattin Agnes Essl eins zu eins gesetzt mit der legendären Wiener Salonlöwin, die ihre Künstler um sich schart zur morbiden Séance mit Mahl und Musik. Und in all das ragt ein Galgen, auf dem der jüngste Sohn thront und fidelt. Maria Lassnig, zu Madame Essls Linker, scheint das als Einziger gar nicht geheuer, weder das unverblümte Foto-Strahlen der Gastgeber noch die Runde männlicher Egos, die sich hier produzieren. Mit verschattetem Gesicht hält die Malerin ihre Kunst wie einen Schutzschild vor sich, während Rainer seine Maler-Wundmale präsentiert, Mühl sich über einem hilflos erregten weiblichen Torso zu schaffen macht und Brus, Nitsch, Attersee so tun, als wenn sie das alles gar nichts anginge. Wie Thomas Bernhard, dessen Büste abgewendet wurde. Aber Hauptsache dabei sein, das ist alles, in kleinen Ländern wie Österreich noch mehr als anderswo. Selbst Immendorff weiß das, als Äffchen, sein Alter Ego, thront er dekorativ auf Agnes' Lehne.
Anfang der 90er hatten die Essls den 1945 geborenen Deutschen kennen gelernt, damals schon mehr exzentrischer Malerfürst als radikal agierender Beuys-Schüler, mehr professoraler Staatskünstler und Salon-Maoist als selbstzweifelnder Feuerträger. Plan und platt wie ein Comic hat er dann seinen Vorschlag, der zum Auftrag wurde, umgesetzt, mit stilisierten Holzbanken und Knochen (hinter Geldgeber Essl!), verniedlichter Fantasy-Einrichtung, grellen Farben. Ist es pure Ironie? Oder tatsächlich eine erschreckend naive „Hommage“ an die österreichische Kunstszene? Ist es ein entpolitisierter, verniedlichter Nachklang seiner „Cafe Deutschland“-Serie, mit der Immendorff zwischen 1977 und 1983 ein Sittenbild der deutschen Geistesverfasstheit, durchzogen von der Mauer, schuf? Als Erneuerer des Historienbildes galt er damals. Der Esslsche Salon zeigt, dass nicht nur diese künstlerische Strategie heute nicht mehr greift, sondern auch die Rolle des Hofkünstlers ohne Peinlichkeit nicht wiederzubeleben ist.
In einigen der über 70 Bilder, die die Essls jetzt zum Gedenken an den 2007 verstorbenen Künstler ausstellen, alle aus eigenen Beständen, ist noch zu erahnen, was Immendorff mit „Radikalität gegen sich selbst“ einmal meinte, als er noch gegen einen äußeren Feind, das System kämpfte. In den letzten zehn Jahren kämpfte er gegen seinen eigenen Körper, die unheilbare Nervenkankheit ALS. Sie ließ ihn zum Konzeptkünstler werden, der mit Hilfe von Assistenten malte, seine Ikonografie entrümpelte, die Kunstgeschichte befragte und zu existenziellen Themen zurückfand. Als „Befreiungsschlag“ vom „erzählenden Lametta“ empfand er diese Bilder zu Beginn. So gesehen dürfen die Essls eines der Hauptwerke Immendorffs in Händen halten.
ZU PERSON UND AUSSTELLUNG
Das Essl Museum zeigt in Erinnerung an den 2007 an ALS verstorbenen Jörg Immendorff bis 20.April über 70 Werke des 1945 geborenen deutschen Malers. Im Zentrum ein Auftragswerk des Sammlerpaars inkl. Vorzeichnungen. Di–So 10–18, Mi bis 21h.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2008)